Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2011

Kompass - Eine richtungsweisende Zeichnungssammlung aus dem New Yorker MoMA

15. März 2011

Welche Stellung nimmt das Medium Zeichnung in der zeitgenössischen Kunst ein? Eine Antwort auf diese scheinbar einfache Frage versucht die „Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection“ zu finden. Es ist eine Sammlung mit einer ganz besonderen Historie. Sie wurde in den Jahren 2003 bis 2005 in einer ebenso beispiellosen wie konsequenten Aktion zusammengetragen. Mastermind hinter der Collektion ist Harvey S. Shipley Miller, der Treuhänder der Judith Rothschild Foundation. Sein Ziel und das seines engen Mitstreiters Gary Garrels war, einen allgemeinen und umfassenden Überblick über die Zeichnung als künstlerisches Medium zu geben. Die „Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection“ befreit die Zeichnung vom Etikett, eine spröde oder gar langweilige Kunstform zu sein, denn wer sich hier auf genaues Betrachten einläßt, entdeckt einen Kosmos.

KompassKompass. Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art, New York
Hrsg. von Christian Rattemeyer

Leinen, 320 Seiten mit zahlr. farb. Abbildungen
Ostfildern: Hatje Cantz 2011

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Mehr als 2.600 Arbeiten auf Papier von über 600 Künstlerinnen und Künstlern wurden zusammengetragen. Maßgeblich war bei dem Projekt, die Sammlung an ein Museum zu übergeben, also vollständig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das MoMA bekam im Mai 2005 den Zuschlag. Nun wird erstmals mit 250 Arbeiten eine umfassende Auswahl aus der Kollektion präsentiert. Der Titel der Schau im Berliner Martin Gropiusbau lautet „Kompass“. Im Englischen steht dieser doppeldeutige Begriff sowohl für das Navigationsgerät als auch für den Zirkel als Zeichenwerkzeug. So verweist der Ausstellungstitel einerseits auf die geographische Reichweite der Sammlung (Schwerpunkte wurden in den Kunstzentren New York, Los Angeles, London, Berlin und das Rheinland der 1960er bis 80er gelegt) und andererseits auf den Akt des Zeichnens selbst in all seiner materiellen und formalen Vielfältigkeit.

Ausstellung und Katalog spiegeln die wichtigsten Entwicklungslinien der Zeichnung im 20. Jahrhundert. Altmeister wie Jaspar Johns, Robert Rauschenbach und Joseph Beuys waren die ersten, die der Zeichnung zu eigenständigem Leben verhalfen. Sie war nicht länger nur Skizze, Vorentwurf oder Studie, sondern entwickelte sich zu einem eigenständigen Medium, in dem ausgedrückt wurde, was sich in anderen Medien wie Gemälden, oder Skulpturen nicht mehr so eindeutig vermitteln ließ. Für die Minimalisten wie etwa Donald Judd oder Hanne Darboven wurden Zeichnungen zum konzeptionellen Experimentierfeld, dienten der Reduktion auf simple Grundformen des Ausdrucks. Die jüngere Generation erweitert den Horizont, für sie ist die Zeichnung nicht nur Untergrund, sondern Material und Quelle. Collage- und Assemblagetechniken nehmen eine wichtige Rolle im Produktionsprozess ein. Vorgefertigte Fundstücke wie Pressebilder, Fotokopien oder Internetausdrucke werden be- und verarbeitet, sowohl in großformatigen, raumgreifenden Arbeiten als auch in kleinen, intimen Formaten. Am Beginn des 21. Jahrhunderts wird die Zeichnung für viele Künstlerinnen und Künstler so zum Spiegel aktueller Verschiebungen und Verwerfungen von Kunst und Kultur im Informationszeitalter. Mit der Zeichnung stemmen sie sich gegen die Flut des vorhandenen Materials.

Die Ausstellung im Berliner Gropiusbau ist (leider nur) bis zum 29. Mai 2011 zu sehen. Was bleibt ist das Katalogbuch. Alle ausgestellten Arbeiten (und einige mehr) sind in farbigen Abbildungen wiedergeben. Vorangestellt sind eine Einführung in die Sammlung und ihrer Ideengeschichte von Christian Rattemeyer und der Abdruck eines Gespräches mit Harvey S. Shipley Miller und Gary Garrels. Dieser Band mit Übersichtscharakter ist für jeden Kunstinteressierten, der sich mit der Stellung der Zeichnung in der zeitgenössischen Kunst, ihrer formalen und materiellen Vielseitigkeit und ihrer Emanzipation auseinandersetzen möchte, von bleibendem Wert.