28. März 2010
"Anathem" sollte gleich zweimal hintereinander gelesen werden. Der erste Lektüredurchgang dient dazu, der ausgeklügelten Story mit ihren diversen Höhe- und Wendepunkten nachzugehen. Der zweite Durchgang legt dann die Feinheiten unter der Oberfläche der Science Fiction Geschichte frei. "Anathem" ist eine grandiose Einführung in die Geschichte der Philosophie, Metaphysik und Wissenschaftstheorie. Einen der wichtigsten Ankerpunkte bildet dabei der Platonismus in der Mathematik. Gleichzeitig werden essentielle Probleme der Quantentheorie diskutiert wie die Viele-Welten-Interpretation und der Phasenraum, sowie die - unter Annahme gewisser Grundvoraussetzungen - im Rahmen gängiger Theorien gegebene Möglichkeit von Zeitreisen. Hier stoßen, auch das wird umfassend abgehandelt, Bewußtsein und Wahrnehmung zwangsläufig an die Grenzen von Zeit und Raum. Erschreckt? Keine Angst, das hört sich schlimmer an als es ist.
Neal Stephenson: Anathem
Übers. von Nikolaus Stingl und Juliane Gräbener-Müller
Geb. 1024 Seiten
München: Manhattan 2010
Was passiert in "Anathem"? Zunächst der Titel. Es ist eine Wortneuschöpfung aus den Kernen Anthem (Hymne) und Anathema (Verbannung). Die Handlung spielt auf dem Planenten Arbre (der Erde nicht ganz unähnlich). In Konzenten, einer Art Klöster, leben und arbeiten, abgeschieden von allen weltlichen Einflüssen, die Avot (eine Art Mönche der Wissenschaft). Ihre gesamte (Lebens)Zeit widmen sie der theoretischen Wissenschaft, ihrer Bewahrung und Weiterentwicklung. Nur in großen zeitlichen Abständen öffnen sich die Tore der Konzente für kurze Zeit, kommen säkulare und wissenschaftliche Welt in Kontakt. Während einer dieser seltenen Kontakte (Apert genannt), rutscht Erasmas, der Held der Geschichte, in einen Strudel aufregender Ereignisse, die sein Leben und das des gesamten Planeten Arbre für immer verändern werden. Ein außerarbisches Raumschiff nähert sich und nimmt Kontakt auf ..... An dieser Stelle mehr zu verraten, wäre unfair.
"Anathem" ist ein Musterbeispiel spekulativer Literatur. Arbre und seine gesitige Entwicklung sind ein Spiegelbild der Entwicklung und der Geschichte unseres Planeten, das Stephenson auf subtile Art verschlüsselt. Der kurze tabellarische Abriss der Geschichte Arbres zu Beginn des Romans und das umfangreiche Glossar am Ende lassen "Anathem" zunächst wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheinen. Doch hat der Leser die (zugegeben etwas weitschweifige und ausholende) Exposition erst hinter sich, lichten sich nach und nach die Nebel, werden Anspielungen und Verweise immer klarer. Hinter den Namen der großen Denker Arbres und ihren Lehrsätzen und Theorien verstecken sich wohlbekannte Philosophen, Mathematiker und Physiker der Erde. Und auch in der Zeittafel lassen sich bald viele Parallelen zur Geschichte der Erde entschlüsseln.
Neal Stephenson fordert heraus zu Denkmuskeltraining und intellektuellen Workout. Der Kernlinie der philosophischen Entwicklung von Thales über Plato, Leibnitz und Kant bis hin zu Einstein, Gödel und Husserl zu folgen ist anstrengend, aber ein Gewinn. Und das ist nur einer der Stränge, die Stephenson hier genial ineinander verwoben hat. Wieder einmal schafft es der Autor auf höchstem Niveau zu überzeugen. Brilliant verbindet er eine packende Science Fiction Geschichte mit essentiellen Grundproblemen der Wissenschaftsgeschichte- und theorie. Das ist im besten Sinne lehrreich und unterhaltend.
P.S.: Zwei hilfreiche Quellen im weltweiten Netz seien hier noch empfohlen. Zum ersten eine Seite mit Anmerkungen von Neal Stephenson zu Literatur und einigen Projekten, die ihm als Inspiration zu Anathem gedient haben. Zum zweiten ein Anathem-Wiki, das unter anderem auch Schlüssel zu den vielfältigen Erde-Arbre-Verbindungen sammelt.