Archiv

 

Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2010

Der Fänger im Roggen - Zum Tod von J. D. Salinger (Aufruf zur Relektüre)

29. Januar 2010

J(erome) D(avid) Salinger ist tot. Der Autor starb am 27. Januar im Alter von 91 in seinem Haus in New Hampshire. Hier hatte er seit Jahren zurückgezogen gelebt und angeblich hunderte Seiten im Jahr geschrieben, aber nur noch für sich selbst, denn offiziell veröffentlicht hatte Salinger seit 1965 keine Texte mehr. Das letzte Interview gab er vor drei Jahrzehnten.

SalingerSalinger, Jerome David: Der Fänger im Roggen
Ins Deutsche übers. v. Eike Schönfeld
PB, 269 Seiten
Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 2004

Jetzt bestellen!


Sein berühmtestes Werk ist bis heute "Der Fänger im Roggen", veröffentlicht im Jahr 1951. In diesem Roman, Salingers einziger übrigens, wird die Geschichte von Holden Caulfield erzählt. Der 16-jährige ist vom Internat geflogen und kehrt nach New York zurück, zu seinen Eltern und in die Welt der Erwachsenen. Die empfindet Holden als verlogen, geldgierig, und beziehungslos. Er rebelliert und begehrt auf, nur gegenüber seinen kleinen Schwester Phoebe vermag er sich zu öffnen. Holden, in seiner Zerissenheit zwischen der Sehnsucht nach ungestörter Kindheit und dem Widerstand gegen das Erwachsenwerden, wurde zur Identifikationsfigur einer ganzen Generation. In der Rückschau, als Teil einer Thearpie, beschreibt Holden seinen Sprung in die Adoleszenz, mit unbestechlich genauer Beobachtungsgabe, voller Fantasie aber auch gnadenlosem Frust. Unter der Oberfläche der einfachen Handlung liegt eine tief greifende, komplexe Struktur ineinander verwobener Leitmotive. Holdens Bekenntnisse sind angereichert mit Anspielungen und Symbolen, sie machen den Roman so vielschichtig. Auch der Romantitel verweist auf diese symbolische Ebene. Holden möchte ein Fänger im Roggen sein, der die Kinder vor dem Fall bewahrt, vor dem Sturz in die aufkeimende Sexualität und dem Erwachsenwerden.

Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem großen Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe - kein Erwachsener, meine ich - außer mir. Und ich würde am Rand vor einem Abgrund stehen. Ich müßte alle fangen, die über den Rand hinauslaufen wollen - ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müßte ich vorspringen und sie festhalten. Das wäre alles, was ich den ganzen Tag lang tun würde. Ich wäre einfach so ein Wächter im Roggen. Ich weiß schon, daß das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre.

Bis heute hat „Der Fänger im Roggen“ Millionen von Lesern bewegt, denn trotz seines Alters hat das Grundthema des Werkes keine Patina angesetzt. Vieles mag heutzutage, mehr als 50 Jahre später, anders sein als in der Welt des Holden Caulfield, nur leichter ist es bestimmt nicht geworden. Höchst verärgert aber wäre der Rebell Holden darüber, seine Geschichte als Schullektüre, als Pflichtlesestoff, wiederzufinden. Aber dafür kann weder die Romanfigur etwas, noch sein Schöpfer J. D. Salinger.

Seit 2003 liegt die neue Übersetzung von Eike Schönfeld vor. Sie ist ideal, um Vorurteile gegenüber dem Roman zu revidieren. Die stilistischen Qualitäten des Textes erscheinen hier in neuem Glanz, die raffinierte Sprache, die Kaskaden der Flüche, hinter denen Holden seine Verletzlichkeit verbirgt. Es ist, als lese man ein neues Buch. Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass sich hier ein Jugendlicher des Jahres 1949 äußert. Aktueller Jugendslang ist das natürlich nicht. Dennoch vermag das Werk das Innere seiner Leser in Schwingung zu versetzen, auch heute noch. Mir hat das (erneute) Anlesen jedenfalls viel Spaß bereitet.

P.S.; Salinger selbst war vom Erfolg seines Buches überwältigt. Der Rummel um seine Person, der kurz nach Erscheinen einsetzte, war ihm von Anfang an zuwider und einer der Gründe, warum er sich in die Einsamkeit seines Landhauses in Neuengland zurückzog. Gegen eine von einem jungen Autor geplante Vorsetzung setzte er sich vehement zur Wehr, mit juristischem Sperrfeuer aus dicken Anwaltskanonen. Salinger selbst veröffentlichte nichts mehr seitdem, obwohl er unermüdlich weiter schrieb ("Und es ist viel Gutes darunter", liess er wissen). Vielleicht birgt sein Nachlass Funde, die eine Veröffentlichung lohnen. Wer weiß? Auf jeden Fall bleibt "Der Fänger im Roggen", sein großes Vermächtnis, eines der wichtigen literarischen Dokumente des 20. Jahrhunderts, Salingers einziger Roman. Für mich viel mehr, als nur verhasste Schullektüre. Und wer noch mehr will als die gelunge Übersetzung von Eike Schönfeld, sollte "Der Fänger im Roggen" in der Originalsprache lesen.