7. Juli 2010
Ganze Regale lassen sich mit Büchern über Einsteins Relativitätstheorie füllen. Dabei ist es vielfach üblich, den Leser nicht mit Mathematik zu verschrecken, also auf jegliche Formeln und Herleitungen zu verzichten. Auf der anderen Seite des Regals stehen die wissenschaftlichen Lehrbücher, die ohne ein Studium der Höheren Mathematik unverständlich sind. Max Born geht den (goldenen) Mittelweg. Jeder Leser, der in der Mathematik der Sekundarstufe I (Gymn. od. Realschule bis Klasse 10) noch einigermaßen sattelfest ist, kann hier folgen.
Max Born: Die Relativitätstheorie Einsteins
Kommentiert und erweitert von Jürgen Ehlers und Markus Pössel
7. Auflage (Die 5. Auflg. entstand unter Mitarb. v. Walter Biem)
Geb., XIV, 502 Seiten m. 183 Abb.
Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag 2003
Born startet seine Abhandlung mit einem Abriss der Grundgesetze der klassichen Physik, also Mechanik, Optik, Elektrodynamik, und legt dabei von Anfang an ein besonderes Augenmerk auf die Begriffe des Raumes und der Zeit. Versehen mit diesen (überaus wichtigen) Grundlagen werden erst die spezielle und dann die allgemeine Relativitätstheorie entwickelt. Dieses Buch verzichtet weitestgehend auf Bilder, Vergleiche und Analogien, konzentriert sich auf die physikalischen Kernaussagen und deren Ableitungen und Beziehungen. Viele der dafür notwendigen mathematischen Arbeiten lassen sich mit einem "Skribbel-Block" neben dem aufgeschlagenen Buch sehr gut nachvollziehen. Das Buch fordert einen aufmerksamen, geduldigen und lernbereiten Leser, der belohnt wird mit tiefgehendem Verständnis und Aha-Erlebnissen auf höchstem Niveau, sofern er bereit und willens ist, den Schritt vom Populären zum Wissenschaftlichen zu wagen. Diese 7. von Jürgen Ehlers und Markus Pössel kommentierte und erweiterte Neuauflage beläßt Borns Text (1964 letztmalig von ihm überarbeitet) als historisches Dokument, ergänzt ihn aber um ein umfangreiches Kapitel (ca. 140 Seiten) über neue und neueste Entwicklungen auf dem Gebiet der allg. Relativitätstheorie und der Gravitation. Die angefügte Literaturliste ist kurz, knapp und ordnet die ausgewählten Werke nach Themenkreis und Schwierigkeitsgrad. Wie das Bornsche Werk, verdienen es auch alle hier verzeichneten Bücher ausnahmslos empfohlen zu werden.
Albert Einstein: Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie
24. Auflage
Softcover, X, 112 Seiten mit 4 Abb.
Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag 2009
Auch der Begründer der Relativitätstheorie selbst hat einen Versuch unternommen, die komplexe Materie allgemeinverständlich darzulegen. Im Gegensatz zu Born verzichtet Einstein aber ganz auf Mathematik, na, ja, nahezu ganz, denn auf eine handvoll einfacher Formeln konnte auch Einstein nicht verzichten. Logisch aufeinander aufbauend erläutert Einstein erst die spezielle Relativitätstheorie, dann die Allgemeine. Hauptunterschied zwischen beiden ist der Einfluss der Gravitationskraft. Sie ist, das ist der wesentliche Punkt der Relativitätstheorie, nicht von der Beschleunigungskraft zu unterscheiden, zumindest in geschlossenen Systemen.
Dieses Büchlein ist für eine schnellen Zugnag zur komplexen Materie etwas besser geeignet als das Werk von Born. Einstein bedient sich zahlreicher Analogien und Besispiele, die mit alltagsphysikalischem Verständnis leicht nachzuvollziehen sind. Das Buch ist von bescheidenem Umfang und gut zu lesen, wenn auch an manchen Stellen in Wortwahl und Satzbau etwas antiquiert und gestelzt. Einstein war nun einmal Physiker und kein Schriftsteller. Was für das Bändchen spricht ist die Nähe zum Thema und die Tatsache, dass es mittlerweile zum klassischen Kanon der leichtverständlichen Einführungen in die Relativitätstheorie gehört. Wenn einem der Erfinder der Relativitätstheorie diese selbst erklärt, lohnt es ich durchaus zuzuhören.