2. Januar 2010
Mit diesem Buch hat sich Sten Nadolny in doppelter Hinsicht in Grenzbereiche bewegt. Wenn der Titel "Ullsteinroman" just zum 100jährigen Jubiläum im Jahr 2004 in jenem Verlagshaus mit der Eule erscheint, dann hat das schon ein wenig den Hauch von Auftragsarbeit und läßt den kritischen Leser vermuten, daß hier eventuell alles Unangenehme beiseite geschoben wurde. Und warum wird schon im Titel eine so starke Betonung auf den Roman gelegt? Hat Nadolny hier etwa die historischen Fakten zugunsten der Fiktion bewußt vernachlässigt? Nein, hat er nicht. Und auch den Vorwurf der gefälligen Auftragsarbeit braucht sich der wie immer höchst sprach- und stilsichere Nadolny nicht gefallen zu lassen.
Nadolny, Sten: Ullsteinroman
TB, 495 Seiten
Berlin: Ullstein Buchverlage 2009
Hajum Hirsch Ullstein betrieb noch eine einfache Großhandlung für Papier in der Nachbarschaft der Synagoge in Fürth, einem Viertel, das von vielen das »fränkische Jerusalem« genannt wurde. Sein Sohn Leopold allerdings wagte den Sprung nach Berlin, wo er die erste Zeitungsdynastie des Kontinents gründete. Seine fünf Söhne erweiterten das Verlagsimperium um Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Illustrierte und vieles andere. Sie schufen in rasantem Tempo den ersten modernen Medienkonzern der Welt, bis die Nazis den Aufstieg des Verlages jäh abbremsten, indem sie das Ullsteinimperium zerschlugen und die Familie ins Exil trieben. Das ist gewissermaßen in aller Kürze die Geschichte der Ullsteins, die gleichzeitig ein Stück deutscher Wirtschafts-, Demokratie- und Pressegeschichte bietet. In diesen historischen Rahmen hat Sten Nadolny seinen "Ullsteinroman" eingepaßt. Es geht um eine ehrgeizige und um Einfälle niemals verlegene Familie, die, getrieben von Hoffnungen und Wünschen, ihren Weg geht und trotz vieler Schicksalsschläge und Schwächen ihr Ziel nicht aus den Augen verliert, nämlich die kontrollierte Vermehrung von Geld, wirtschaftlicher Macht und politischer Einflussnahme. Mithin behandelt der "Ullsteinroman" also ein sehr aktuelles Thema. Gerade deshalb sei nochmals die Frage gestattet, ob ein Sachbuch nicht doch das bessere Transportmittel gewesen wäre?
Wer Nadolnys Buch in die Hand nimmt, um möglichst viel über das in Vertriebsfragen revolutionäre Presse-Unternehmen der Ullsteins zu erfahren, wird mit Sicherheit schwer enttäuscht. 1926 etwa machten die Ullsteins mit der "B.Z. am Mittag" die schnellste Zeitung der Welt: bereits eine halbe Stunde nach Redaktionsschluß in der Setzerei starteten die firmeneigenen Flugzeuge mit den ersten druckfrischen Exemplaren, um einen unverzüglichen Vertrieb zu gewährleisten. Von dieser enormen Verbreitungsgeschwindigkeit zeigte sich damals sogar der Verleger der "New York Times" höchst beeindruckt. Leider aber erfahren wir das nicht in Nadolnys Buch. Oft bleibt auch die Schilderung der gesellschafts-politischen Situation an der Oberfläche. Wenig darüber, wie sich die Ullsteins mit liberalen Presseorganen gegen den sich aggressiv ausbreitenden Antisemitismus zu behaupten versuchten. Und leider kommt sehr oft auch der Umgang mit den großen Schriftstellern zu kurz, die ihre Welterfolge zuerst bei Ullstein veröffentlichten (wie z.B. Carl Zuckmayer und sein "Hauptmann von Köpenick" oder Erich Maria Remarque und "Im Westen nichts Neues").
Stattdessen liefert Nadolny einen unterhaltsamen Familienroman, bei dem er viel Wert auf die psychologische Zeichnung der Akteure gelegt hat und geschickt den realen, historische Hintergrund mit gut präsentierten Anekdoten verwebt. Hier zeigt sich, warum die klassische, sich nur auf verbürgte Fakten stützende Familienbiografie zugunsten eines Romanes geopfert wurde. Im Roman kann sich Nadolny die subjektiven schriftstellerischen Freiheiten nehmen, die ihm das Sachbuch verboten hätte. Entstanden ist so eine Familiensaga, die sehr lebendig und ein wenig philosophisch geworden ist. Bei der Mixtur von Dichtung und Wahrheit, die uns der Autor mit hoher sprachlicher Eleganz stilsicher präsentiert, lässt er sich allerdings nicht gerne in die Karten schauen. Befragt nach den grenzüberschreitenden Passagen, in denen die Fiktion die Fakten übertrumpft, antwortet Nadolny stets verschmitzt: "Alles ist wahrheitsgemäß!". Kein Nachwort, keine Quellenhinweise erläutern, wessen Meinung nun gerade zum Besten gegeben wird. Daß der Leser dem Autor vollständig vertrauen muß, macht den speziellen Reiz bei "Ullsteinroman" aus.