7. März 2010
Dies ist eines jener Bücher, die einem beim Lesen immer mehr ans Herz wachsen. Denn di einfach erzählte, ein wenig verschrobene Geschichte des kleinen T(ecumseh) S(parrow) Spivet ist eine Schatzkiste voller Kindheitserinnerungen. Den Kern bildet die ebenso einfache wie tiefgründige Erkenntnis, dass die Liebe und Geborgenheit einer Familie das wertvollste ist, das wir besitzen können. Auch und gerade, wenn diese Familie so gar nicht den Idealvorstellungen zu entsprechen scheint.
Reif Larsen: Die Karte meiner Träume
Übers. v. Manfred Alliés u. Gabriele Kempf-Alliés
Geb. 435 Seiten, mit zahlr. Randzeichnungen u. Karten
Frankfurt / Main: S. Fischer 2009
Der 12-jährige T. S. Spivet und seine Familie leben auf einer Ranch in Montana; der Vater ist ein wortkarger, introvertierter Farmer und Cowboy mit Vorliebe für alte Wild-Westfilme, die Mutter ist Käferforscherin, eine auf ihre Art gescheiterte Wissenschaftlerin, die Schwester ein typischer Teenager in einer bunten Girlie-Welt und der ältere Bruder ... ja, über den Bruder wird eigentlich nicht mehr gesprochen, seitdem er bei einem Schießunfall ums Leben kam.
T. S. ist ein begabter Zeichner und leidenschaftlicher Kartograph; sein großes Ziel ist es, alles, was ihn umgibt, in Karten, Tabellen, Schaubildern und Diagrammen zu erfassen und zu ordnen. Durch Vermittlung eines Freundes der Familie sind viele dieser Zeichnungen bereits in wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen und auch das Smithonian Museum in Washington nutzt seine Arbeit. Nun soll ihm dort ein Preis verliehen werden; doch niemand ahnt, dass der Preisträger, die Hoffnung der Wissenschaft, ein 12-jähriger Junge ist.
Der Leser begleitet T.S. auf seiner abenteuerlichen Fahrt nach Washington. Realität und Phantasie geraten mehr und mehr durcheinander. So wird T.S. unterwegs unter anderem von Lokomotiven in Gespräche über Rousseau verwickelt, von Wurmlöchern in der Prairie verschluckt und in Chicago sogar in eine lebensgefährliche Messerstecherei verwickelt. Der Text mit seiner kindlich naiven Erzählperspektive wird in der Marginalienspalte durchgehend ergänzt durch liebevoll gezeichnete Karten und Illustrationen, durch Listen, Diagramme und Gedankensplitter. Sie sind nicht etwa Abschweifungen oder schmückendes Beiwerk, sondern elementarer Bestandteile der Erzählung. Erst mit den Marginalien wird die Gedanken- und Gefühlswelt des kleinen T.S. transparent. Nebenbei erzählt wird auch die Familiengeschichte der Spivets, die durchzogen ist von Brüchen und unerklärlichen Wendungen; Lebensträume werden aufgegeben oder sind zum Scheitern verdammt. Je länger T.S. unterwegs ist, desto mehr wächst in ihm die Erkenntnis, dass selbst umfassendes Sammeln und vollständiges Katalogisieren nicht reichen, die Welt zu verstehen. Viele Einzelteile und Splitter ergeben eben noch lange kein Ganzes. Träume, Sehnsüchte und Gefühle lassen sich nicht kartographieren.
Reif Larsens Debüt ist ein Juwel und ein Anachronismus. "Die Karte meiner Träume" ist ein Roman über Freundschaft, Kindheit, Schuld, Zuhausesein und die Geborgenheit. Auf der einen Seite altmodisch anrührend und altbacken einfach, auf der anderen postmodern verspielt, bruchstückhaft und avantgardistisch angehaucht. Und, wie bereits anfangs gesagt, im Kern der liebevoll erzählten (und gezeichneten) Geschichte steckt dieser wundervolle einfache Weisheits-Kern: man kann nicht alles im Leben verstehen, katalogisieren und erklären.