Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2010

Preis der Leipziger Buchmesse 2010 für "Roman unserer Kindheit" von Georg Klein

19. März 2010

Die diesjährige Runde des Buchpreises der Leipziger Buchmesse war in erster Linie geprägt und überschattet von der Diskussion um die Nominierung Helene Hegemanns und ihres mit Plagiatsvorwürfen schwer belasteten Textes "Axolotl Roadkill". Schön, daß sich bei der Jury letztlich Georg Klein mit seinem "Roman unserer Kindheit" und damit originelle vor plagiatsbelasteter Literatur, also wirkliche Qualität durchsetzen konnte.

Georg KleinGeorg Klein: Roman unserer Kindheit

Geb. 448 Seiten
Reinbek: Rowohlt 2009

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Schon vor Bekanntgabe der Preisträger lag Klein auf meinem Stapel (noch) ungelesener Bücher, jetzt habe ich ihn fast durch und kann mich mit meinem Urteil voll und ganz dem der Begründung der Jury anschliessen:

Überbordend poetisch wird hier ein Zeitpanorama entfaltet, das die Unterwelt der großen, bösen Erzählungen der alten Männer mit den leuchtenden Farben des Sechziger-Jahre-Sommers verbindet. Kinder standen noch nicht unter Dauerobservanz, ihre Phantasien konnten, wenn man so will - und der Roman will es so - noch in aller Ruhe wuchern. Georg Kleins "Roman unserer Kindheit" ist das Ergebnis des Wucherns von Angst und von Lust, von Freiheit und Abenteuer, vom Kampf gegen das Böse - und nebenbei, ganz leise, wird in diesem surrealistisch überbordenden virtuosen Kinderschauerroman für Erwachsene, den Müttern und nie geborenen Schwestern ein Denkmal gesetzt.

Verlagsinfo zum Buch: Ein scheinbar ewiger Sommer umfängt Neubaublöcke, amerikanische Kasernen, ein verlassenes Wirtshaus unter uralten Kastanien und die Laubenkolonie, wo die Kinder der Neuen Siedlung sich die großen Ferien vertreiben. Langsam, kaum merklich, sickert das Unheimliche ein: Ein Mord wird angekündigt, dann kommen die Boten, buchstäblich aus einer anderen Welt. Und es sieht aus, als könnten sie zumindest eines der Siedlungskinder auf die Nachtseite dieses Sommers hinüberziehen.

Dieser Einbruch der dunklen Nachtseite in die unbeschwerte, hinreißend lustig erzählte Kindheitserinnerung ist perfekt konstruiert und erstklassich gelungen. Ganz unmerklich geraten die Figuren des Romans und mit ihnen der Leser in einen Sog der Phantasie, ausgelöst nicht zuletzt durch das Lesen von Cowboygeschichten, Abenteuerromanen, Landserheften; hohe und niedere Literatur dringt in den Alltag eines unbeschwerten Sommers, beflügelt erst die Fantasie, wird dann magisch und schwenkt schließlich um in etwas wirklich Böses. Der "Roman unserer Kindheit" ist eine Gruselgeschichte für Erwachsene; reflektiert aber genauso historische Wahrheiten, denn es wir erinnert an die Zeit als die Bundesrepublik noch jung und voller Tatendrang war und dennoch von den dunklen Schatten der Vergangenheit eingeholt wird.

Daß diese perfekte Mischung aus autobiographisch gestützer Remineszenz und phantastischer Traumgeschichte nicht aus den Fugen gerät, liegt an der wundervollen Ich-Erzählerin, die Georg Klein etabliert. Sie wechselt ständig die Rollen, passiert mühlos und immer wieder die Grenzen zwischen Dunkel und Hell, Gut und Böse, ist einfach nicht zu fassen in ihrer irrlichternden Erzählwut und hält doch alles zusammen. Ein großartiges Buch.