24. Januar 2010
Auf den ersten Blick wirken sie wie Abbildungen aus historischen Werken zur Zoologie. Doch ihre Formate sind ins Riesenhafte vergrößert, nicht selten auf drei mal zwei Meter. Es sind Aquarelle auf handgeschöpftem Büttenpapier, detailgenau, exakt und technisch brillant ausgeführt, geschult an den Meisterwerken John James Audubons oder Edward Lears. Jetzt ist Walton Fords Bestiarium erstmals in einem europäischen Museum zu bewundern. Bis zum 24. Mai zeigt der Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin eine Auswahl der großformatigen Arbeiten aus den vergangenen 10 Jahren. Faszinierende Bilder, irgendwie aus der Zeit gefallen, die den Betrachter mit verstörenden Einzelheiten überfallen: eine Affenhorde zelebriert ein großes Fressen, ein Okapi leckt an einer Honigwabe, um im nächsten Moment seinen Tod zu finden, ein Rudel Tasmanischer Wölfe türmt weiße Lämmer zu einer blutigen Pyramide, ein spanischer Bulle vergewaltigt einen mexikanischen Tiger.
Buford, Bill (Hrsg.): Walton Ford. Pancha Tantra.
Mehrspr. Ausgabe: Deutsch/Englisch/Französisch
durchg. farb. illustriert
320 Seiten
Köln: Taschen 2009
Waltons Tiere sind intrigant, geizig, phlegmatisch, durchtrieben, blutrünstig und böse. Dieses Bestiarium ist ein antropomorphes Universum voller Anspielungen auf Sagen, symbolgeladenen Erzählungen und mythischen Geschichten. Walton schöpft seine Inspirationen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Mal ist es ein Zeitungsbericht über einen Panther, der aus dem Zürcher Zoo ausbricht, mal sind es die Erzählungen aus dem "Pancha Tantra", einer Sammlung indischer Fabeln, die als Vorläufer Äsops gilt, mal sind es zeitgenössische Berichte über ungewöhnliche Haustiere wie dem Affen, der mit seinem Herrchen baden ging und in dessen Bett sterben durfte. Aber auch Briefe von Benjamin Franklin oder die Autobiographie Benvenuto Cellinis dienen als Anregung.
Der wunderschöne Bildband aus dem Taschen Verlag liefert im Anhang zu jedem Bild Ausschnitte aus den Textquellen, die Walton Ford genutzt hat. Wie magische Schlüssel öffnen sie die Werke und lassen den Betrachter das erblicken, was unter der Oberfläche liegt. Zusätzlich liefert Bill Buford eine knappe, aber solide Einführung in das Schaffen Fords.

"Nila", der brünstige Elefant, kann nur durch ein Menschenopfer gebändigt werden. Sein Reiter lässt sich von ihm zu Tode trampeln, um andere zu retten.
Foto: © Walton Ford. TASCHEN Verlag
Walton Fords Tieraquarelle scheinen gänzlich unzeitgeistig und unmodern zu sein und werfen doch mit Schwung eingefahrene Erwartungshaltungen über den Haufen. Ford fällt als zeitgenössischer Künstler aus dem Rahmen zeitgenössischer Ästhetik. Und das mit voller Absicht, denn als Outsider und Einzelgänger bezieht er so eine einzigartige Position in der aktuellen Malerei. Übertriebener Ernst ist seine Sache nicht; Fords Werk lebt durch Ironie und Sarkasmus: "Es macht mir Spaß, diese konservativen Tierdarstellung aus dem 19. Jahrhundert zu übernehmen und ein bisschen aufzumischen", sagt er in einem Interview. "Und außerdem mag ich alles, was beißt!"
In den USA ist der 39-jährige Maler hochgeschätzt, seine Bilder, von denen er nur wenige im Jahr malt, erzielen enorme Verkaufspreise und viele Stars, wie z.B. Mick Jägger zählen zu seinen Fans. Es wird höchste Zeit, daß er auch in Europa nicht mehr wird, als lediglich ein Geheimtipp für Eingeweihte. Ausstellung und Buch helfen dabei.