17. Januar 2010
Am 21. Januar 2010 feiert der Berliner Schausspieler Günter Lamprecht seinen 80. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Viele zählen ihn (und ich auch) zu den besten deutschsprachigen Theater- und Filmdarstellern. Er glänzte in zahlreichen Rollen und war immer besonders gut, wenn es galt schwierige, zerrissene Charaktere darzustellen. Ich habe Lamprecht gerne zugesehen; seine Art zu spielen war immer authentisch, ehrlich und glaubwürdig. Eine Begegnung hat seine Karriere ganz besonders geprägt, die mit dem Regisseur und Autor Rainer Werner Fassbinder (1945-1982). Lamprecht spielte 1979 in "Die Ehe der Maria Braun" mit und wurde anschließend der Franz Bieberkopf in Fassbinders großer Döblin-Verfilmung "Berlin Alexanderplatz". Diese Rolle machte Lamprecht zu einem der Fassbinder-Schauspieler, obwohl er gar nicht zur festen "Entourage" des "Enfant Terrible" des Neuen Deutschen Films gehörte und, so sagt Lamprecht selbst, auch nicht gehören wollte.
Berlin Alexanderplatz. Remastered
Regie: Rainer Werner Fassbinder
6 DVDs im Schuber mit Booklet
Sprache: deutsch. FSK: ab 12 Jahren. Laufzeit: 1010 min.
München: Süddeutsche Zeitung. Cinemathek 2007
Elf Monate dauerten die Dreharbeiten zu der großen ARD-Produktion, die 1980/81 in vierzehn Folgen ausgestrahlt wurde. Die Boulevardpresse überhäufte den Film mit Spott und Häme. Technisch dilletantisch, zu dunkel, pervers und unverständlich, sei das "Machwerk", das Fassbinder dem Zuschauer hier zumute. Doch im Ausland, besonders in den USA, wurde der fünfzehn-stündige Film begeistert angenommen und Lamprecht, sowie alle anderen (ebenfalls hervorragenden) Darsteller euphorisch gefeiert. Die technischen Unzulänglichkeiten, die dunklen, schwammigen Bilder des Films, die schnell verblassenden Kopien, gingen nicht auf das Konto Fassbinders oder das seines Kameramannes Schwarzenberger. Sie waren der Produktion auf 16mm-Film geschuldet, die sich aus Kostengründen damals nicht umgehen liess. Aus Anlass des 25. Todestags von Fassbinder präsentiert die nach ihm benannte Foundation eine aufwändig restaurierte Fassung von Berlin Alexanderplatz. Die Premiere bei der Berlinale 2007 wurde zum Ereignis - und zum endgültigen Beleg für Fassbinders Genialität und visuelle Kraft. Die Süddeutsche Zeitung hat diese restaurierte Fassung 2007 in ihrer Cinemathek auf DVD herausgebracht. Ein Genuss. Leider ist sie offiziell ausverkauft, aber wird vielerorts (auch bei Amazon.de) gebraucht immer noch angeboten.
Berlin Alexanderplatz
Hrsg. v. Klaus Biesenbach
Mit dem gesamten Drehbuch und Texten
von R. W. Fassbinder, K. Biesenbach und S. Sontag.
664 Seiten, 530 Seiten farbige Filmstills
München: Schirmer & Mosel 2007
Ebenfalls auf der restaurierten Fassung des Films beruht der großformatige Bildband, den Klaus Biesenbach im Verlag Schirmer & Mosel herausgegeben hat. Im opulenten Querformat von 30 x 24 cm lassen sich hier 540 Filmstills bewundern. Entlang des komplett abgedruckten Drehbuchs, erzählen sie Fassbinders Adaption von "Berlin Alexanderplatz" als Fotoroman. Selbst die stillen Bilder belegen, wie genial hier Döblins expressionistisches Meisterwerk als eine Geschichte einer Nation in Zeiten prekärer Identitätskrisen gedeutet wird. Fassbinder, und da folgt er akribisch Döblins Spuren, zeigt mehr als nur einen Blick in das Kleinkriminellen- und Zuhältermilieu der Weimarer Republik. Wie Döblin sprachlich und literarisch ganz neue Wege einschlug, so findet auch Fassbinder für seinen Alexanderplatz eine eigene Filmsprache und -ästhetik. Das ist heute, beinahe dreissig Jahre nach der Erstaufführung, immer noch spannend und aufregend, nicht zuletzt durch die hervorragenden Darsteller, allen voran Günter Lamprecht als Franz Bieberkopf.
Bei aller Liebe zum Film; natürlich ist auch die Lektüre des Romans von Alfred Döblin weiter lohnend. Vielleicht heutzutage ganz besonders, da die Parole von Wirtschafts- und Finanzkrise, von Zukunftsangst und Unsicherheit umgeht. Vieles, was Döblin in seinem Großstadtroman, einem der besten, den wir haben, meine ich, aufgreift, gilt auch für unsere Zeit. Ganz abgesehen von der sprachlichen Wucht des Textes, von der Jahrzehnte nach seiner Entstehung nichts verloren gegangen ist. Mehr zu "Berlin Alexanderplatz" finden sie in einem älteren Artikel.