14. März 2008
Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse 2008 wurde am 12. März dem niederländischen Schriftsteller Geert Mak der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen. Damit würdigte die Jury seine Schriften der letzten zehn Jahre, die sich vor allem europäischen Problemen widmen. Aus der Begründung:
In seinen Beschreibungen einzelner und kollektiver Biographien macht er sozialökonomische Prozesse und kulturelle Veränderungen anschaulich sichtbar. Er verbindet historische Forschung mit der Position des Fragenden, Schauenden, Reisenden - und des kraftvoll Erzählenden. (...) Geert Maks Werk zeigt uns die dissonante Vielstimmigkeit europäischer Erinnerung.
Das gilt in ganz besonderem Maße für sein opus magnum „In Europa“. Auf beinahe 1.000 Seiten erzählt er die Geschichte Europas als eine Zeitreise zu den Orten der Zerstörung und der Wiedergeburt unseres Kontinents.
Mak, Geert: In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert.
Aus dem niederländischen von G. Seferens und A. Ecke.
Paperback, 944 Seiten.
München: Pantheon 2007
Für dieses Buch ist Geert Mak tatsächlich mit einem Wohnbus ein Jahr lang kreuz und quer durch Europa gereist. Dabei hat er sich in jedem Monat an einen Ort begeben, der für einen ganz besonderen Abschnitt der Geschichte unseres Kontinents steht. Zunächst besucht er Paris, wo das 20. Jahrhundert mit der großen Weltausstellung beginnt, ein optimistischer Auftakt. Doch im weiteren Verlauf der Reise zeigt sich, wie sehr Europa im Verlauf des 20. Jahrhunderts zerissen wurde: zwei große Weltkriege, die systematische Vernichtung der Juden durch die Nazis, religiöse und politische Konflikte. Zuletzt befinden wir uns in den Ruinen Sarajevos, die das Ende des blutigen Jahrhunderts markieren.
Auf allen Stationen seiner Reise sprach Mak mit Augenzeugen, Historikern, Schriftstellerkollegen, Dissidenten und Politikern. Auch dem "einfachen Volk" schaute er aufs Maul. Die Protokolle dieser Reise sind eine gelungene Mischung aus Reportagen, Erzählungen, Interviews, Dokumentationen und Essays. Gleichzeitig ist dieses Buch ein Plädoyer für Verständnis und Verständigung. Viele Wunden, die im Verlauf der Geschichte geschlagen wurden sind noch nicht verheilt. Darauf muss im europäischen Einigungsprozess Rücksicht genommen werden; Mak plädiert durchaus für nationale Identität, niemals aber läßt er Nationalismus gelten. Maks eindringlicher Schreibstil lebt von Zurückhaltung und Einfühlungsvermögen. Zu keiner Zeit drängt er sich in den Vordergrund. Ein bewegendes, kluges Buch, das uns zu Augenzeugen des 20. Jahrhunderts macht. Sehr lesenswert.