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Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2008

Biblia Germanica 1545 - Luther, das Buch der Bücher und die "Raubkopierer"

20. Januar 2008

Mit seiner Bibelübersetzung hat Martin Luther die deutsche Sprache gleichberechtigt auf eine Stufe gehoben mit den bis dato als heilig angesehenen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein. Gleichzeitig gilt seine deutsche Bibel als Fundament des Hochdeutschen überhaupt. Sich aus heutiger Zeit rückwärts durch die Sprachgeschichte zu diesen Fundamenten durchzuwühlen ist höchst interessant. Genau aus diesem Grund lag auf dem weihnachtlichen Gabentisch die wunderschöne Faksimileausgabe der Lutherbibel aus dem Jahre 1545, Ausgabe letzter Hand.

Biblia Germanica 1545Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft, Deudsch. Auffs neu zugericht. D. Mart. Luther. Gedruckt zu Wittemberg durch Hans Lufft. MDXLV.
Faksimilierte und leicht verkleinerte Ausgabe der einspaltigen Lutherbibel von 1545 (Ausgabe letzter Hand).
1560 Seiten. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1983

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Gleich bei der Lektüre der ersten Seiten erhellte sich meine Mine und ich konnte mir ein Lachen kaum verkneifen. Denn siehe da: Raubkopierer sind keine Plage des digitalen Zeitalters, sondern waren schon zu Luthers Zeiten als wirtschaftliche Schädlinge unterwegs. Zum Beweis zwei längere Zitate. Das erste ist ein Auszug aus dem kürfürstlichen Privileg Johannes Friedrichs, Herzog zu Sachsen.

Ehrwirdige / wolgeborne vnd Edle / lieben Getrewen / Wir geben euch zu erkennen / Das wir auff beschehens ansuchen / auch anzeigung bewegender Vrsachen / bewilliget / vnd den dreien Buchhendelern zu Wittemberg / Moritzen Goltz / Barteln Vogel / vnd Christoffeln Schrammen / solche Befreihung / gegeben / Das sie / vnd niemands mehr / die nachbenante Bücher / nemlich die gantze Biblia Deudsch / den Psalter mit den Summarien / New Testament klein /Jesus Syrach / Auch D. Martini Luthers Postillen / in vnsern Fürstenthumen vnd Landen / mügen drücken /feilhaben / vnd verkeuffen lassen. Vnd ob die selben Bücher / an andern Orten nachgedrückt würden / So sollen sie doch in vnsern Für stenthumen vnd Landen / weder heimlich noch öffentlich verkaufft / oder feil gehabt werden / Bey Peen hundert gülden / Halb den Gerichtsheldern jedes Orts / da die Vbertretter befunden / Vnd die andere helffte jnen den bemelten dreien Buchhendlern / verfallen zu sein.

Auf gut Deutsch: nur die genannten Buchhändler dürfen Luthers Bibel drucken und verkaufen. Nachdrucke durch dritte werden gerichtlich verfolgt und mit (empfindlichen) Geldstrafen belegt. Die zweite Passage stammt aus der Feder Martin Luthers und ist überschrieben mit: Warnung.

Aber das mus ich klagen vber den Geitz / Das die geitzigen Wenste vnd reubische Nachdrücker mit vnser Erbeit vntrewlich vmbgehen. Denn weil sie allein jren Geitz suchen / fragen sie wenig darnach / wie recht oder falsch sie es hin nachdrücken / Vnd ist mir offt widerfaren / das ich der Nachdrücker druck gelesen / also verfelschet gefunden / das ich meine eigen Erbeit / an vielen Orten nicht gekennet / auffs newe habe müssen bessern. Sie machens hin rips raps / (...) DERhalben / ob jemand diese vnser newe gebesserte Biblia fur sich selbs / oder auff eine Librarey begert zu haben / der sey von mir hiemit trewlich gewarnet / das er zusehe / was vnd wo er keuffe / vnd sich anneme vmb diesen Druck der von den vnsern corrigirt wird / vnd hie ausgehet.

Der große Reformator klagt hier also sowohl über wirtschaftliche (Geiz und Geldgier der Nachdrucker) als auch über ideelle Schäden, denn die "rips raps" hingeknallten Raubkopien waren voller Fehler und Irrtümer, die letzlich auf ihn, Martin Luther, zurückfielen. Ganz ähnlich hat übrigens Arno Schmidt anlässlich der Raubdrucke von "Zettel's Traum" argumentiert und gewettert. Zahlreiche Beispiele aus den für ihn literaturhistorisch so bedeutenden 17., 18. und 19. Jahrhunderten führte er seinerzeit in einem Gespräch mit Spiegelredakteur Gunnar Ortlepp 1970 an (nachzulesen und zu hören in: Arno Schmidt, Bargfelder Ausgabe der Werke. Supplemente Bd.II). Über Luthers Malässen mit den Raubdruckern war er wohl nicht informiert, sonst hätte er die mit Sicherheit auch erwähnt.

Natürlich bietet diese Faksimileausgabe der Lutherbibel von 1545 weit mehr als nur dieses Fundstück zur Plage der Raubdrucker und -kopierer. Die Kraft der lutherischen Sprache zieht jeden Leser auch heute noch in den Bann. Freilich muss ein gewisser Anfangswiderstand überwunden werden, denn Schriftbild, Satz, Rechtschreibung und Zeichensetzung sind mehr als gewöhnungsbedürftig. Hier können die Grundfesten der (hoch)deutschen Sprache und damit auch der hochdeutschen Literatur bewundert werden. Unzählige längst verschollene Worte deutscher Sprache tauchen hier wieder auf und immer wieder denkt man unwillkürlich, wie reich und reichhaltig das Deutsche doch sein kann. Und in den am Rand des eigentlichen Bibeltextes (ohne die bekannte Verseinteilung, die eine Erfindung späterer Jahrhunderte ist,) abgedruckten Glosen und Scholarien läßt sich Luther der Theologe und Übersetzer bei der Arbeit über die Schulter blicken. Auch dem theologisch interessiertem Leser sei diese Ausgabe empfohlen. Gerade im Vergleich mit heutigen, den Urtexten der Heiligen Schrift viel näheren und verläßlicheren Übersetzungen zeigt der Blick in Luthers Bibel doch immer wieder, wie kraftvoll und volksnah er die Bibeltexte behandelte. Luther ging es darum, seine Theologie von der Heilslehre Gottes dem einfachen Volk zugänglich zu machen, in Alltagssprache und dem Lebensalltag der damaligen Zeit entsprechend. Die humanistischen Denker und Schriftsteller, denen sich Luther nahe und verpflichtet fühlte, hatten ihm eine Bibelübersetzung überhaupt erst denkbar erscheinen lassen, denn Humanisten wie Erasmus von Rotterdam waren die ersten, die das Übersetzen literarischer und philosophischer Werke aus einer Sprache in eine andere förderten und als für die Geistesentwicklung der Menschheit hilfreich betrachteten. Somit ist die diese Faksimileausgabe der Lutherbibel von 1545 gleichzeitig ein Meilenstein der Sprach- und Übersetzungshistorie, ein kulturgeschichtliches Zeugnis hohen Ranges und ein Manifest der Theologie. Das Wort Gottes wurde erst durch Luther fest im Alltag verankert.