10. Februar 2008
Günter de Bruyn ist fasziniert von Preußen. In mehreren Werken schon hat sich der Schriftsteller und Essayist der Epoche, der Landschaft und dem politischen Gebilde genähert, denn unter den Begriff "Preußen" läßt sich vieles subsummieren. Nun hat er dem ein kenntnisreiches Bändchen über Berlins Prachtstrasse "Unter den Linden" hinzugefügt.
Günter de Bruyn: Unter den Linden
Broschiert, 192 Seiten
München: btb 2007
Machen wir uns nichts vor, die "Linden" haben eindeutig schon bessere Tage gesehen, trotz einiger Neubauten, trotz historischer Rekonstruktionen oder trotz Schinkels Neuer Wache. Nicht selten sind Touristen schwer enttäuscht, wenn sie heutzutage "Unter den Linden" kaum etwas vom Flair der prächtigen Zentralstraße finden, den sie sich erhofft hatten. Das, was die "Linden" im 19. Jahrhundert ausgezeichnet hat, ist verschwunden. Lang ist's her, daß sich Berlins Bummelboulevard mit der Champs Elysees oder der Fifth Avenue messen konnte.
Die Lindenallee, die sich vom Brandenburger Tor bis zum Forum Fridericianum, also dem Platz vor Staatsoper und Humbold-Universität, erstreckt, steht wie kein anderer Ort Berlins für die Geschichte und Kultur von Preußens Deutschland. Und die reicht von Friedrich dem Großen über das Kaiserreich, der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus bis hin zur Deutschen Teilung, der DDR und dem Fall der Mauer. Der Flaneur, der aufmerksam die Linden herauf- und herabstreift, findet auch heute noch unzählige Hinweise auf die Vergangenheit, einige versteckt und andere unübersehbar. Ebenso unübersehbar sind aber auch die Spuren des Verfalls und des Niedergangs.
Dem verschließt sich Günter de Bruyn bei seinem literarischen Bummel nicht; ganz im Gegenteil. Unvoreingenommen, ohne Weinerlichkeit oder übertriebenem Sendungsbewußtsein, beschreibt er nüchtern die Geschichte der Straße, wohlwissend, daß die Gegenwart zwangsläufig in der Vergangenheit gründet.
De Bruyn bleibt dabei der Methode treu, die ihm bereits in früheren Werken gut Dienste geleistet hat: er fängt Geschichte lebendig ein, indem er kleine Teil des großen Ganzen darstellt. Alle Begebenheiten, die sich zwischen Lustgarten und Pariser Platz ereignet haben und die hier geschildert werden, alle Gewährsleute aus vergangenen Zeiten, die de Bruyn zur rechten Zeit mit passenden Zitaten zu Wort kommen läßt, dienen dem vorrangigen Ziel des Autors; nämlich, auf den 192 Seiten des handlichen Buches preußische Geschichte wirklich greifbar zu machen.
Die Art und Weise, wie Günter de Bruyn seinen Stoff meistert ist beachtlich. Ganz souverän jongliert er mit Poesie oder Prosa, Glanz oder Elend. Dieses Buch beschreibt nicht einfach nur eine nostalgische Tour. Nein, Bruyn mischt eine gehörige Portion Skepsis und Kritik in seinen Text und hin und wieder auch ein kleine, notwendige Portion Trauer über versunkene Schönheit und Kultur Berlins. "Unter den Linden" leistet so als literarisch-historischer Führer für Berlinbesucher hervorragende Dienste. Und nicht nur für die. Günter de Bruyn liefert selbstverständlich auch allen Berliner, die sich das nötige Quentchen Neugier auf ihre Stadt bewahrt haben, eine Fülle neuer Informationen und Einsichten.