Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2007

Eiskalt und schonungslos - Mit "Das Schweigen" erweist sich Jan Costin Wagner erneut als Meister des literarischen Krimis

3. Oktober 2007

Gleich zu Beginn wird ein Verbrechen geschildert. Eine Mädchen wird vergewaltigt und ermordet, nur fünf Minuten Fußweg von zu Hause entfernt. Da sind der Täter, das Opfer und ein Augenzeuge, der berichtet, aber nicht eingreift. Und da ist der Leser, auch er steht daneben und kann nicht helfen, das Verbrechen läuft vor seinen Augen ab wie auf einer Leinwand, gestochen scharf, eiskalt. Der Leser kennt den Namen des Mörders, nicht aber den des Beobachters. Die Polizei kennt beide nicht. Das Verbrechen bleibt unaufgeklärt.

WagnerWagner, Jan Costin: Das Schweigen.
280 Seiten.
Frankfurt/M., Berlin: Eichborn Berlin 2007

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Dreiunddreißig Jahre später. Ketola feiert seinen Abschied aus dem aktiven Polizeidienst. Er hat damals den Fall des ermordeten Mädchens bearbeitet und immer noch wurmt es ihn, den Täter nicht gefasst zu haben. Da geschieht ein neues Verbrechen, genau da, wo der erste Mord geschah. Die Tat gleicht der früheren in allen Details. Diesmal soll Ketolas Kollege Kimmo Joentaa ermitteln. Doch der Ruheständler Ketola mischt sich ein, will nicht, daß der Mörder ein zweites mal davonkommt. Und noch jemand mischt sich ein, einer, der damals auch beteiligt war. Oder war er gar der Täter? Ein vertrackter Wettlauf beginnt.

"Das Schweigen" ist wie zuvor schon "Eismond" (Kimmos erster Fall) mehr als nur ein spannender Thriller. Jan Costin Wagner hält sich nicht an die üblichen Regeln des Genres. Der Begriff Kriminalroman ist für ihn eine Verkürzung. Ihm geht es um mehr. Anders als andere Autoren durchbohrt Wagner die Plotebene, blickt durch die Handlung hindurch auf das Innere Wesen des Geschehens. Gedanken- und Gefühlswelten sind ihm wichtiger als die spannende Krimihandlung allein. Wagner findet für Menschen in Extremsituationen eine passende sprachliche Ausdrucksform und schafft dadurch intime Momente des Verstehens. Seine Sprache ist knapp und treffend. Meist reichen nur wenige Worte, um Situationen treffend zu umreissen und den Leser zu bannen. Nüchtern und sachlich, beinahe im Stil eines Vernehmungsprotokolls, kommt der Text daher. Auch die Dialoge verzichten auf überflüssigen Ballast und treffen doch immer den richtigen, der Situation adäquaten Umgangston, doch wirken dabei nie banal oder trivial.

Wagner, Jan Costin: Eismond.
305 Seiten.
Frankfurt/M., Berlin: Eichborn Berlin 2003

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Große Themen wie Schuld und Sühne, Moral und Unmoral werden grandios abgehandelt. Nicht mit plakativen Thesen, sondern immer aus der Entwicklung des Geschehens und den handelnden Figuren heraus. Und am Ende wartet Wagner mit einer auf den ersten Blick zunächst überraschenden Pointe auf, doch sie ist eine sich aus dem inneren Zusammenhängen der Erzählung ergebende Notwendigkeit.

Wagner ist Deutscher, schreibt in deutscher Sprache und siedelt seine (Kriminal)Romane doch in Finnland an. Ihn faszinieren die dunklen und langen Winter, die lichtdurchfluteten Sommer. Finnland ist Wagners Wahlheimat, denn seine Frau ist Finnin und er verbringt viel Zeit mit ihr im hohen Norden. Die Weite und Einsamkeit des Landes lenkt den Blick ins Innere, in die Seele, sagt Wagner, das sei es, was ihn zum Schreiben bewege. Wagner kriecht tief hinein in die verwinkelten und dunklen Seelenecken seiner einsamen und verletzten Figuren. Letztlich geht es in "Das Schweigen" um Angst, die nackte Angst vor Verlust, Tod und Schmerz.