Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2007

"Schmidt lesn!? :: Allerdings!" - Zwei Bände im Schuber mit einer Auswahl von Geschichten aus Deutschland

15. August 2007

Diese wohlfeile Auswahl der Romane und Erzählungen bietet einen idealen Einstieg in das Werk Arno Schmidts. Diese Edition bietet den idealen Anlass für einen seit längerem von mir geplanten Versuch einer kleinen Leseverführung. Damit auch Neulinge in Sachen Schmidt verstehen, warum diese neue zweibändige Zusammenstellung einen besonderen Platz einnimmt, sei zunächst ein kleiner Exkurs gestattet.

SchmidtSchmidt, Arno: Geschichten aus Deutschland. Romane und Erzählungen in Zwei Bänden im Schuber. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2007

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Zur Publikationsgeschichte: nach erstem Ruhm durch Veröffentlichungen im Rowohlt Verlag wechselte Schmidt Mitte der 1950er Jahre zum Stahlberg Verlag. Hier fand er insbesondere durch die enge Beziehung zu Ernst Krawehl seine verlegerische Heimat. 1970 ging der Verlag an die Verlagsgruppe von Georg von Holtzbrinck, die dann wiederum vom S.Fischer Verlag geschluckt wurde. Lange Zeit hielt der die Texte Schmidts nur in billigen Taschenbuchausgaben vorrätig und dem Werk wenig bis gar keine Pflege angedeien. Nach Schmidts Tod (1979) gründeten seine Witwe Alice Schmidt und Jan Philipp Reemtma die Arno-Schmidt-Stiftung. Sie ist seit 1985 die offizielle Nachlassverwalterin und Inhaberin der Rechte am Gesamtwerk Schmidts. Doch erst nach einem langwierigen und komplizierten Rechtsstreit mit dem S.Fischer Verlag, der nicht einfach auf seine Nachdruckrechte verzichten wollte, begann die Stiftung 1986 in Zusammenarbeit mit dem Haffmanns Verlag die Herausgabe der "Bargfelder Ausgabe". Sie bringt Schmidts Werke, geordnet nach Werkgruppen, in der Reihenfolge ihrer Niederschrift und in der Fssung letzter Hand; d.h. alle noch von Schmidt gewünschten Änderungen und Korrekturen werden berücksichtigt. Mittlerweile besorgt den Vertrieb der Suhrkamp Verlag. - Nebenbei: der Verlag, bei dem Schmidt zu Lebzeiten nie eine Heimat fand, als Einzelgänger in selbstgewählter Bargfelder Isolation passte er nicht in die sogenannte "Suhrkampkultur".

Erst seit der "Bargfelder Ausgabe" also liegen gesicherte Textfassungen vor. Da scheint es mehr als sinnvoll, diese gesicherten Fassungen auch in Einzelausgaben zugänglich zu machen. Genau das geschieht hier mit den "Geschichten aus Deutschland". Gleichzeitig versucht der Verlag, Schmidt das verkaufsfördernde Etikett eines "Klassikers" zu verpassen:

Diese zweibändige Ausgabe vereint (...) die wichtigsten Romane und Erzählungen von Arno Schmidt entsprechend der Chronologie ihrer Handlung. Damit eröffnet sie einen spannend-vergnüglichen Einblick in das Herzstück des Werks eines der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts.

Aber das sind zu verkraftende Marketingstrategien; wichtiger ist die Verlässlichkeit der Texte.

In Band 1 finden sich: "Aus dem Leben eines Fauns" (erschienen 1953); "Leviathan oder die beste aller Welten" (1949); "Brand's Haide" (1951); "Die Umsiedler" (1952); "Seelandschaft mit Pocahontas" (1959); "Das steinerne Herz. Ein historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi" (1956). Band 2 beinhaltet: "Am Zaun" (Erzählung, 1956), "Trommler beim Zaren" (Erzählung, 1959), "KAFF auch Mare Crisium" (1960) sowie die Erzählungen "Kühe in Halbtrauer" (1961) und "Schwarze Spiegel" (1951).

Alle diese Texte liefern ganz spezielle Leseerlebnisse. Sie sind oft höchst trocken-humorvoll, prall gefüllt mit einzigartigen Charakteren und Ereignissen und jeder für sich hat seinen ganz unverwechselbaren Stil. Ungewohnt aus heutiger Sicht sind die Anfeindungen, denen sich Schmidt bei der Erstveröffentlichung seiner Texte häufig stellen mußte. "Seelandschaft mit Pocahontas" zog zum Beispiel eine später niedergeschlagene Strafanzeige wegen Pornographie und Gotteslästerung nach sich, was anschließend bei der Herausgabe von "Das Steinerne Herz" zu schmerzhaften Eingriffen seitens des Verlegers führte. Erst die "Bargfelder Ausgabe" brachte den Text ohne Lädierungen.

Schmidts Schreibstil ist einzigartig: er sucht immer die Nähe des Umgangssprachlichen, des Alltäglichen. Es ist ein Stil, der Unausgesprochenes ausspricht, Gedachtes mit formuliert und Sexuelles anspielt, der Laute, Farben und Gerüche präzise erfasst. Wer sich einmal in Schmidts ungewöhnliche Interpunktion und Zeichensetzung eingearbeitet hat, staunt nicht schlecht, wie selbst Fragezeichen, Bindestriche und Klammern zu Worten werden und Handlungen wiedergeben können. Hat man sich in diesen vermeindlichen, im Vergleich zum Spätwerk der Typoskripte (z.B. Zettel's Traum) noch harmlosen Verhau von Wörtern und Zeichen erst einmal eingelesen, macht das richtig Spaß.

Für alle, die nun neugierig geworden sind auf Arno Schmidt, denen aber selbst diese Auswahl in zwei Bänden noch zu umfangreich für den Einstieg ist, seien folgende Ausgaben ans Herz gelegt:

Schmidt, Arno: Nobodaddy's Kinder. Eine Trilogie: Aus dem Leben eines Fauns. Brand's Haide. Schwarze Spiegel. Mit einem Nachwort von Hans-Ulrich TreichelFrankfurt/M.: Suhrkamp 2005

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Ursprünglich erschienen die Texte nicht zusammenhängend, doch Schmidt hat sie immer als Trilogie verstanden. "Aus dem Leben eines Fauns" spielt im Nazi-Deutschland während des Krieges. "Brand's Haide" schildert die unmittelbare Nachkriegszeit aus Sicht eines Kriegsheimkehrers. "Schwarze Spiegel" ist schließlich eine Endzeiterzählung, situiert in den Trümmern eines dritten, atomaren Weltkrieges.

Schmidt, Arno: Kaff auch Mare Crisium. Mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2007

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"Kaff" ist vielleicht nicht ganz so ideal geeignet für eine erste Beschäftigung mit Texten Schmidts wie "Nobodaddy's Kinder". Hier macht Schmidt erstmals Gebrauch seiner später verfeinerten Mehrspaltentechnik. Zwei ineinander verschränkte Handlungsstränge sind auch satztechnisch hervorgehoben. Indem sie jeweils nach rechts oder links aus der Seitenmitte heraus geschoben werden, können sie entweder einzeln verfolgt oder im Fluss gelesen werden. Es geht um Karl Richter, der mit seiner Freundin ein Wochenende bei seiner Tante auf dem Land verbringt. Mit einer (frei erfundenen und extemporierten) Erzählung, die (wieder) nach einem Atomkrieg auf dem Mond spielt, versucht Richter seine Freundin zu erheitern und "herumzukriegen". Aus dieser Erzählung und den Schilderungen des alltäglichen Landlebens ergibt sich ein spannungsreiches Geflecht aus Anspielungen und Zitaten. Und beide Handlungsstränge, sowohl der auf dem Mond, als auch der auf dem Kaff, sind voller Situationskomik.

Ich kann nur immer wieder raten: lest Schmidt, es lohnt sich.