10. November 2007
Klebeband kennt jeder, und jeder hat es schon einmal benutzt. Alle wissen, daß es funktioniert; nur wie es funktioniert, das wissen nicht einmal die klugsten Köpfe. Das ist nur eine der vielen Fragen, auf die die Wissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch keine Antwort geben kann. Warum bekommen Haie keinen Krebs? Warum und vor allem wie schnurren Katzen? Warum steigt mit der Zahl älterer Brüder die statistische Wahrscheinlichkeit, daß man schwul ist? Wie funktioniert eigentlich eine Narkose? Weshalb schlafen wir? Und warum färben sich im Herbst die Blätter mancher Bäume rot? Eigentlich ganz simple Fragen, oder? Nur kommen selbst die größten Wissenschftler hier in Erklärungsnot. Es gibt halt immer noch sehr viel, was wir nicht wissen.
Kathrin Passig u. Aleks Scholz: Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gab.
254 Seiten.
Berlin: Rowohlt Berlin 2007
Kathrin Passig und Aleks Scholz haben eine Sammlung der weißen Flecke auf unserer Wissenskarte zusammengetragen. Und es ist wirklich erstaunlich wieviele weiße Flecke noch existieren, wenn man bedenkt in welch abstrakten Denkräume und kaum noch nachvollziehbaren Dimensionen unsere Topforscher mittlerweile vordringen. Die Fortpflanzung der Aale ist ebenso rätselhaft wie die Wirkungsweise halluzinogener Drogen, über weibliche Ejakulation weiß man nicht mehr als über die Funktionsweise eines Bumerangs oder über Dunkle Materie. (Obwohl bei letzterer sich Ansätze für griffige Erklärungen abzeichnen.) Wie kam das Leben auf die Erde? Wie funktionieren Kugelblitze? Warum sind die Menschen unterschiedlich groß?
Schnoddrig-frech, flappsig und ganz ohne Fachkauderwelsch sinnieren die Autoren über das geballte Unwissen dieser Welt. Gerade der lockere, humorvolle Ton ist es, der dieses Buch von zahlreichen Machwerken absetzt, die hochtrabend erklären, daß die Welt und alles was sie zusammenhält entschlüsselt sei. Passig und Scholz stellen Fragen und erhalten statt wohlformulierter Antworten immer nur neue Fragen. Nebulöse "könnte-müsste-wäre-möglicherweise"-Ansätze lassen sie nicht gelten. Wo keine Lösungsansätze zu finden sind, werden auch keine präsentiert.
Das Buch in einem Rutsch zu lesen, ist auf Dauer monoton. Doch portionsweise genossen, im Vorbeigehen oder zwischendrin, sind die Unwissenheits-Häppchen immer aufs neue delikat. Sich hin und wieder der weltumspannenden Unwissenheit zu vergewissern und eigene Wissenslücken gar nicht mehr so schlimm zu finden, ist wohltuend. -- Ach, übrigens; mir gefällt (augenblicklich) der Artikel am besten, in dem keine Antwort gefunden wird auf die Frage, warum fast 2 Drittel aller Forellen ihren Orgasmus vortäuschen. Sie machen es. Nur warum? Das ist halt eines dieser ungelösten Rätsel der Welt.