Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2007

Imaginäre Reisen - Eine große Ausstellung und ein lesenswerter Katalogband beleuchten das Phänomen Karl May

26. Oktober 2007

Noch bis zum 6. Januar 2008 widmet sich das Deutsche Historische Museum in Berlin dem Phänomen Karl May. Der Vater von Winnetou und Old Shatterhand zählt auch heute noch zu den auflagenstärksten, deutschsprachigen Autoren und bei kaum einem anderen Schriftsteller sind Leben und Werk so komplex und kompliziert verkettet wie bei ihm. Schreiben war für Karl May beides: Mittel zum Broterwerb und Flucht in eine imaginierte und imaginäre Traumwelt. Die Ausstellung zeigt eindringlich, wie sehr Karl May damit im Kontext seiner Zeit verankert war. Der Wilde Westen und der geheimnisvolle Orient übten auf das Deutsche Bürgertum am Ausgang des 19. Jahrhunderts eine übergroße Faszination aus; Gutbetuchte zog es auf expeditionsartig inszenierte Reisen in die Ferne, für weniger Vermögende waren vor allem die USA, verbunden mit dem Traum von Aufstieg und Selbstständigkeit, Auswanderungsziel. Die Sehnsucht nach Ferne und Exotik, nach Weite, Freiheit und Abenteuer wurde von vielen Künstlern bedient, doch nur wenige wussten diese Sehnsüchte so trefflich zu bedienen wie Karl May.

Karl MayKarl May - Imaginäre Reisen.
Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin; Hrsg. von Sabine Beneke und Johannes Zeilinger
Bönen: Druckverlag Kettler 2007

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Die Ausstellung betrachtet das Phänomen Karl May vornehmlich aus der kulturhistorischen, weniger aus der literarischen Perspektive. Und auch ohne den Besuch der Ausstellung bietet der von Sabine Beneke und Johannes Zeilinger herausgegebene Katalogband mit seiner Fülle von Abbildungen und lesenswerten Textbeiträgen sowohl Neulingen, als auch Kennern einen interessanten Zugang zu Karl May.

Vor allem die Texte zur Anfangs erwähnten Orient- und Wildwestsehnsucht der Kaiserzeit sind höchst aufschlussreich; ebenso lesenswert sind die Untersuchungen zu Mays Kolportageromanen, dem eigentlichen Werk, wie sie der Autor Harald Eggebrecht nennt. May wird als Fall sowohl der Sozial- als auch der Literaturgeschichte behandelt. Breiten Raum nimmt dabei auch die Analyse seiner lebenslangen Selbstinszinierung ein: "Ich bin wirklich Old Shatterhand!" Die Camouflage war Mays Antrieb zum Schreiben und gleichzeitig perfektes Marketinginstrument. Wirklich aufgegeben hat er die Identifikation mit seinen Helden nie. Und so wurden selbst die beiden einzigen Reisen, die ihn an die realen Schauplätze seiner Romane führten, zu Werbetouren. Besonders die Orientreise geriet dabei auch zur Strapaze. Der Trip auf den Spuren Kara Ben Nemsis war um vieles beschwerlicher als ursprünglich angenommen. May versteckte sich tagelang, von Unpässlichkeiten und Krankheiten gequält, in Hotels und versuchte mit trickreicher Korrespondenz den Eindruck eines triumphalen Zuges durch seine "eigentliche Heimat" zu erwecken. Unter der Überschrift "Winnetou lebt!" geht der Katalogband ausführlich auf die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte ein. Spuren von Mays Indianern werden in der Literatur und Kunst der Moderne gelesen, der Wirkung im Ausland nachgespürt und Neu(Nach)erzählungen durch Film- und Fernsehadaptionen von 1933 bis heute vorgestellt. Und auch alte Namenskalauer werden belebt, denn selbst bei Karl Marx indianerte es.

Nur kurz gestreift wird (in Katalog und Ausstellung) Mays Hinwendung zur großen Literatur, also seinem Streben, in den letzten Lebensjahren die Abenteuer- und Reiseromane hinter sich zu lassen. Vor allem Arno Schmidt und in seiner Nachfolge Hans Wollschläger haben die späten, ausufernden und mystischen Romane "Im Reich des silbernen Löwen III + IV" und "Ardistan und Dschinnistan I + II" als das wahre literarische Erbe Mays bezeichnet; sie versuchten so eine späte Ehrenrettung des "letzten Großmystikers" (Schmidt), der längst als Jugendbuchautor abgestempelt war und heute kaum noch wirklich zur Lektüre empfohlen werden kann. Als Abschlussbeitrag ist im Katalog ein längerer Text Wollschlägers zum Reich des silbernen Löwen abgedruckt; ursprünglich 1966 für den Hessischen Rundfunk geschrieben und 1970 im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft gedruckt. Zumindest wird so ein kleiner Einblick in das Werk des andern Karl May gewährt. Ob die späten Großromane wirklich mehr zu bieten haben als kunstvoll verschlüsselte biographische Remineszenzen muss jeder Leser selbst entscheiden. Die erwähnten Texte liegen inzwischen jedenfalls in ungekürzter und unbearbeiterter, also zuverlässiger Fassung vor. Leichte Kost sind sie aber keineswegs.

P.S.: Als vorbereitende und/oder ergänzende Lektüre zum Katalogband "Imaginäre Reisen" sei an dieser Stelle Hans Wollschlägers May-Monographie "Grundriss eines gebrochenen Lebens" sei nochmals wärmstens empfohlen.