31. August 2007
Was der verbotene DEFA-Streifen "Spur der Steine" für den Film darstellte, ist "Rummelplatz" für die Literatur. In keinem anderen Roman sind die deutschen Nachkriegsgründerjahre in Ost und West so ungeschönt und dabei literarisch gelungen dargestellt. Nun wird er erstmals vollständig publiziert. Seinen Autor, Werner Bräunig, hat 1965 das Druckverbot für den Roman und die damit verbundenen "Schlammschlachten" auf dem berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED gebrochen. Sein "Rummelplatz" blieb unvollendet, an weitere große Texte wagte er sich nicht mehr, veröffentlichte lediglich noch Erzählungen und Essays. Er starb 1976 im Alter von 42 Jahren in Halle.
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hrsg. von Angela Drescher.
Mit einem Vorwort von Christa Wolf.
768 Seiten
Berlin: Aufbau-Verlag 2007
Dabei galt Bräunig als große Hoffnung der jungen DDR-Literatur. Nach einer Schlosserlehre und zahlreichen Gelegenheitsjobs in Westdeutschland und der DDR reifte in ihm der Entschluß, Schriftsteller zu werden. Man ließ ihn, den schreibenden Arbeiter, den Aufruf zur Bitterfelder Konferenz verfassen, dessen Slogan "Greif zur Feder, Kumpel!" berühmt wurde. Bräunig stieg sogar zum Dozenten am Literaturinstitut Johannes R. Becher auf. Doch der Vorabdruck eines Kapitels seines großen Romans brachte diese "Bilderbuchkarriere" zum Einsturz. Ulbricht und Honecker zerissen den Text in Bausch und Bogen und auch die organisierte Arbeiterschaft sah sich verunglimpft. Dabei hatte Bräunig nichts anderes als eine schonungslos ehrliche Beschreibung der Hoffnungen und Sehnsuchte der Nachkriegszeit geliefert.
Werner Bräunig schrieb mutig an gegen das Partei-Establishment, ohne die Folgen zu bedenken. Er schrieb für die Menschen des Landes, unter denen er aufgewachsen war, mit denen er gearbeitet hatte. Er wollte womöglich nicht glauben, dass die Nomenklatura der DDR künstlerische Leistungen nur duldete, wenn sie linientreu waren. Das wurde ihm zum Schicksal. (Sächsische Zeitung, 20.3.2007)
"Rummelplatz" handelt von jungen Menschen, die nach dem Zusammenbruch Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkrieges entwurzelt sind. Der desolate Zustand der Gesellschaft, das Überleben vieler Alt-Nazis, das Aufstreben neuer Politkasten und das Gewinnstreben alter und neuer Kapitalisten lähmt sie, raubt ihnen die Zukunftsperspektiven, die Luft zum atmen. In der "Wismut", dem riesigen Abbaubetrieb für Uranerz, in dem auch Bräunig selbst als Kumpel gearbeitet hat, treffen sie aufeinander, die Heimkehrer und Glücksritter, deutsche Bergleute und sowjetische Schachtleitung. Dieser Staat im Staate spiegelt die Situation in der einen deutschen Republik, den verbissenen Aufbauwillen. Parallel dazu zeigen sich auch in der Papierfabrik Fehlentwicklungen ab, die im 17. Juni 1953 kulminieren. Werner Bräunig schlägt in seinem Roman den Bogen vom Erzgebirge über Berlin bis zum Rhein, verfolgt Arbeiter und Intellektuelle in West und Ost.
Sein Stil ist geschult an Thomas Mann und Alfred Döblin, ohne diesen großen Vorbildern simpel nachzueifern. Für jede Situation, jeden Charakter, jeden Dialog findet Bräunig den richtigen Ton. Dazu Christa Wolf in ihrem Vorwort zur Neu(Erst)ausgabe:
Kann es heute noch wirken, nach 40 Jahren? Nicht auf dieselbe Weise natürlich, wie es damals gewirkt hätte. Aber auch nicht nur als ein historisches Relikt, als ein Archiv-Fund.. Dazu ist dieser Text zu lebendig und, wie ich glaube, auch zu spannend.
Mit Sicherheit werden ehemalige Bürger der DDR diesen Roman anders lesen, als Westdeutsche. Doch neue Perspektiven und Einsichten werden beide finden. "Rummelplatz" blieb nach der harschen Kritik auf jenem 11. Plenum der SED unvollendet: besonders im Schlußteil leidet der Text deshalb an kleineren Konstruktionsfehlern und Stilunsicherheiten. Doch unterm Strich überwiegt Bräunigs fulminanter Realismus, seine sichere Technik, den Menschen voller Sympathie aufs Maul und ins Herz zu schauen.
Dieser Autor bolzt Sätze raus, die so kraftvoll sind, daß man sich wundert, daß es sie zwischen Buchdeckeln hält. (Berliner Zeitung, 20.3.2007)
Nachsatz: Das aufschlussreiche und ausführliche Nachwort von Herausgeberin Angela Drescher sollte man unbedingt zuerst lesen. Es beschreibt gut nachvollziehbar den "Fall Bräunig" in allen Verästelungen. Aus heutiger Sicht läßt sich in der anschließenden Lektüre des eigentlichen Textes dann noch besser nachvollziehen, wie kleingeistig und ängstlich sich SED-Führung, Intelligenzia und linientreue Arbeiterschaft einem großen Kunstwerk verweigerten. Die SED ging unter; das Kunstwerk "Rummelplatz" blieb.