15. August 2007
Am 1. September 1972 erschien er zum erstenmal, der "Bargfelder Bote", aus der Taufe gehoben als Organ des "Arno-Schmidt-Dechiffrierungs-Syndikats", kurz ASDS. Was der "Wake Newslitter" für "Finnegans Wake" von James Joyce war, sollte der Bote für Arno Schmidts Opus Magnum "Zettel's Traum" werden. Gewissermaßen in Rufweite zum Meister, aus einer Bierlaune im Gasthof Bangemann in Bargfeld heraus, begann es zaghaft, entwickelte sich dann aber schnell zu einem der wichtigsten Hilfsmittel ernsthafter Schmidtforschung. Seit 35 Jahren bieten die Hefte Materialien zu Werk und Leben des Autors. Interpretierende Aufsätze, kritische Essays, Glossen, Rezensionen, Fotos und Bibliographien dokumentieren kontinuierlich den Stand der Arno-Schmidt-Philologie.
Bargfelder Bote: Materialien zum Werk Arno Schmidts. Hrsg. von Jörg Drews. Lieferung 1 bis 300. CD-ROM für PC mit Windows 98 bis VISTA
Kaum einer der Initiatoren hätte am Anfang gedacht, daß sie es einmal bis zur Lieferung 300 schaffen würden. Zum Jubiläum deshalb ein besonderes Geschenk. Der "Bargfelder Bote auf CD-ROM". Ein unschätzbares Archiv, in dem Arno-Schmidt-Leser schnell und leicht detaillierte Informationen aus allen einzelnen Lieferungen finden können. Jörg Drews zur digitalen Ausgabe:
Nach 300 Lieferungen ist der »Bargfelder Bote« selbst eine Art philologisches Lesebuch geworden und dokumentiert die Entwicklung der Schmidt-Rezeption und der Schmidt-Forschung (… irgendwie klingt das zu pompös – es war doch alles viel lustiger!), anfangs von ein paar Rezensenten, Lesern und enthusiastischen Narren betrieben, inzwischen sich schon elektronisch ins schier Unabsehbare verästelnd und von einer »Schmidt industry« analog zur vielbelächelten »Joyce industry« gar nicht weit entfernt. Und nicht zuletzt ist der »Bargfelder Bote« inzwischen selbst ein Dokument bzw. auch ein möglicher Gegenstand von Wissenschaft, eine Art 'wissenschaftsgeschichtliches Kompendium', gewürzt durch Fanatismus, Eigenbrötelei und wirkliches Kennertum, geadelt durch einen philologischen Furor, der eben doch das passende Gegenstück zu einem Autor ist, der solch aberwitzig detailintensive Bücher geschrieben hat wie »Fouqué und einige seiner Zeitgenossenen« und der solch schnurriose Thesen in die Welt gesetzt hat wie: Leopold Schefer sei ein großer Autor und Edgar Allan Poe sei mittels einer sogenannten »Etym-Theorie« vom Sockel zu stürzen. (Jörg Drews)
Akribische Recherche oder einfach wahllos durch die Jahre blättern, beides ist ein Genuss. Wobei die gezielte Suche dank guter Indizierung, einem redaktionell erarbeitetem Stichwortverzeichnis und vielfältiger Funktionen schnell Ergebnisse liefert. Lediglich der Textexport und das Ausdrucken sind wenig komfortabel. Hier ist nachträgliche Handarbeit in der Textverarbeitung gefragt. Mehr zum Bargfelder Boten, auch zu aktuellen Lieferungen, erfahren Sie auf den Webseiten des Verlages.
Im Folgenden weitere Hilfsmittel für den Einstieg in Schmidts Werk.
Arno Schmidt war nicht nur ein meisterlicher Wortsetzer, ein Literat von eigenem Rang, sondern hat im gleichen Maße einen ganz besonderen psychosozialen Habitus entwickelt und gepflegt. Zeitlebens meißelte er an seinem Denkmal, setzte sich selbst (nicht selten als allwissend und unfehlbar) in Szene und wollte seine Rolle in Literatur und Gesellschaft genau definieren. Diesen Selbstinszenierungen geht Wolfgang Martynkewicz auf den Grund.
Martynkewicz, Wolfgang: Arno Schmidt mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt. Reinbek: Rowohlt 1992 (=Rowohlts Bildmonografien, Bd. 484)
Bis zum Erscheinen einer wirklich umfassenden Biographie Arno Schmidts bietet dieses Bändchen den beste Überblick über Leben und Werk, präzise, knapp und doch umfassend. Martynkewicz folgt dabei einer mittlerweile üblich gewordenen Methode. Einzele Werkgruppen sind augenfällig verankert mit Lebenstationen Schmidts, die von der Not als Umsiedler in der Nachkriegszeit bis hin zur selbstgewählten und immer gewünschten Eremitage in Bargfeld reichten. Wechsel der Wohnorte, waren häufig mit spürbaren Veränderungen der sozialen Situation, sprich Einkommensverhältnissen, und der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit, sprich Verlage, Leser, Kritiker, verbunden. Diese Wechselspiele von Arbeit und Lebenssituation, Lektüre und literrarischem Schaffen, äußeren Einflüssen und Selbsinszenierung stellt Martynkewicz plastisch und gut lesbar dar.
Wer den literaturwissenschaftlichen Zugang sucht, sei auf das Bändchen von Wolfgang Albrecht in der Reihe Sammlung Metzler verwiesen.
Albrecht, Wolfgang: Arno Schmidt. Stuttgart: Metzler 1998 (=Sammlung Metzler 312)
Wie in dieser Reihe üblich versorgt Albrecht den Leser mit einem konzentrierten Abriß der literaturwissenschaftlichen Forschung zu Arno Schmidt. Einem biographischen Überblick, dem wie bei Martynkewicz wichtige Entwicklungen im literarischen Schaffen zugeordnet werden, folgen einzelne Kapitel zu werkübergreifenden Themen und Aspekten. Dabei werden die wichtigsten Thesen und Texte der interpretierenden Sekundärliteratur referiert. Wegen der Fülle der zitierten Literatur und den zahlreichen Nachweisen und Verweisen ist Albrechts Darstellung nicht immer leicht zu lesen, doch sie verschafft einen guten Überblick und öffnet an vielen Stellen Türen zu eigener intensiver Beschäftigung mit Einzeltexten oder Werkgruppen Schmidts.
Natürlich liefert Albrecht im Anhang seines Buches eine mit 22 Seiten und über 300 gelisteten Werken sehr umfangreiche Auswahlbibliographie. Nur leider ist die auf dem Stand von 1998. Die große umfassende von Karl Heinz Müther erarbeitete und ständig aktualisierte Biblographie zu Arno Schmidt (auch im Netz als PDF erhältlich) ist leider mangels sachgerechter Systematik und fehlender Übersichtlichkeit wenig hilfreich für eine schnelle, gezielte Suche nach Sekundärliteratur. Die Lücke zwischen Albrecht und Müther schließt hier Robert Weninger.
Weninger, Robert: Arno Schmidt - Auswahlbibliographie. Wissenschaftliche Sekundärliteratur nach Titeln und Themen. München: edition text und kritik (2. deutl erw. Auflage) 2006 (=Sonderlieferung BB)
Innerhalb der einzelnen Rubriken ist diese Bibliographie nach dem Jahr des Erscheinens der Texte geordnet. Sie bildet somit zeitlich bedingte Tendenzen in der Interpretation sehr gut ab. Natürlich ist auch diese Auswahlbibliographie subjektiv gefärbt - und Weninger gibt das im Vorwort auch unumwunden zu -, dennoch kann sich hier jeder Schmidtleser und -forscher einen schnellen und präzisen Überblick über den Stand der wisssenschaftlichen Arbeiten über Arno Schmidt verschaffen.