7. September 2007
Vor mehr als 25 Jahren erschien bei uns der letzte Band mit kurzen Erzählungen von Woody Allen. Nun endlich neues vom berühmtesten Stadtneurotiker New Yorks. Nach den drei Bänden "Ohne Leit kein Freud“ (1975), "Wie du dir, so ich mir“ (1978) und „Nebenwirkungen“ (1980) versammelt "Pure Anarchie" wieder 18 Stories, die alles haben, was Woody Allens Humor so unvergleichlich macht.
Woody Allen: Pure Anarchie
Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch.
208 Seiten
Zürich: Kein & Aber 2007
Wer glaubt, diese Texte seien lediglich Nebenprodukte eines unterbeschäftigten Filmautors und Regisseurs, der irrt. Schon früh hat Woody Allen bewiesen, daß er die typisch amerikanische Form der Story meisterlich beherrscht. Lange bevor er zum gefeierten Filmemacher wurde, schrieb er regelmäßig für den "New Yorker" - auch die meisten der in diesem Band versammelten Geschichten wurden in der Kultzeitschrift bereits veröffentlicht. Leichtigkeit und Präzison zeichnen seine Texte aus und natürlich seine große Erfindungsgabe beim Konstruieren absurd-abgründiger Plots. Zugegeben: nicht alle Geschichten in Allens neuem Erzählband sind gleich gut gelungen, das Niveau schwankt. Doch jene schwächeren Stelle, die vielleicht zu bemüht witzig sein wollen oder mitunter arg konstruiert sind, werden mehr als aufgewogen durch das Gelungene.
Wem ausser Woody Allen fallen Figuren ein wie Moe Bottomfeeder, der Gebete bei Ebay verkauft und prompt von Zementindustriellen belangt wird, weil seine Anrufungen Gottes erfolglos blieben. Und wer ausser Allen käme auf die Idee, Mickey Mouse in einem Prozess gegen den Disneykonzern aussagen zu lassen. In einer anderen Geschichte sitzt ein psychopathischer Serieneinbrecher in der Todeszelle und hat nur einen Wunsch, er will den Pilotenschein machen. Oder eine Familie wird ins soziale Elend gerissen, nur weil der jüngste Sohn nicht in die angesagte Nobelvorschule aufgenommen wird.
Allen Geschichten gemeinsam ist dieser typische Ich-Erzähler ohne Namen. Wie in Allens frühen Filmen taumelt der, von Zweifeln und Selbstzweifeln geplagt durch die Welt, ist neurotisch nervös und von der Angst verfolgt, alle und alles habe sich gegen ihn verschworen. Und immer steuern in diesen Erzählungen alle anfangs so gut klingenden und erfolgsversprechenden Pläne am Ende zielsicher ins Chaos. Allens Humor ist skurril, ja, aber niemals brachial. Immer wieder schafft er es, die Balance zwischen absurdem Nonsens und feinfühliger Welterklärung zu halten. Seine Figuren sind scheiternde Komiker oder komische Scheiternde, aber niemals ist der Leser versucht sie mit Häme zu überschütten, sie erregen eher Mitleid und bleiben so immer symphatisch.
Allens Geschichten in "Pure Anarchie" sind wie seine frühen Filme: virtuos und schlagfertig.