Februar 2006
Ingo Schulze hat einen Briefroman geschrieben, also eine Romanform genutzt, die eigentlich längst aus der Mode gekommen zu sein scheint. Doch nur auf den ersten Blick ist das altmodisch und antiquiert, denn schon der zweite Blick enthüllt eine Konstruktion, die viel Raum läßt für ein kunstvoll verschachteltes Vexierspiel voller doppelter Böden und Brüche. Der Briefroman ermöglicht dem Autor die größtmögliche erzählerische Freiheit, und diese Freiheiten nutzt Schulze bei seiner Analyse der politischen, wirtschaftlichen und emotionalen Wirren der Wendezeit weidlich aus.
Ingo Schulze,
Neue Leben
790 Seiten
Berlin Verlag
Getreu den großen historischen Vorbildern arbeitet auch Schulzes Briefroman mit einer Herausgeberfiktion. Auf der Suche nach einem geeigneten Romanstoff habe er sich mit Geschäftsleuten und ihren Praktiken in der Nachwendezeit beschäftigt, heißt es im Vorwort eben dieses Herausgebers. Dabei sei er auf Heinrich Türmer gestoßen, der Ende 1997 auf der Flucht vor Gläubigern und Steuerfahndern spurlos verschwunden sei, getreu seinem Namen sei er einfach getürmt. Bei weiteren Nachforschungen habe er, der Herausgeber, zu seiner Überraschung feststellen müssen, daß ihm Türmer aus seiner Jugend in Dresden bekannt war, damals noch als Enrico Türmer. Seinen richtigen Namen habe Türmer erst später zu Heinrich abgewandelt. Bei weiteren Nachforschungen fallen ihm, dem Herausgeber, mehrere Packen Briefe in die Hände, die Türmer in der Zeit vom 6. Januar bis zum 11. Juli des Jahres 1990 verfaßt hat. Die wiederum sind hier nun abgedruckt als: "Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa, herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze". Nun ist aus dem Literaturunterricht hinlänglich bekannt, daß Erzähler und Autor eines Romans niemals gleichzusetzen sind. Bei Briefromanen gilt das selbstverständlich auch für den (in der Regel ebenfalls fiktiven) Herausgeber. Der Autor Ingo Schulze läßt also einen fiktiven Herausgeber Ingo Schulze die Briefe von Enrico Türmer veröffentlichen. Ganz nebenbei bedient sich Schulze auch noch des klassischen Bildungs- und Künstlerromans.
Daß wir, die Leser, die Briefe Türmers überhaupt lesen können, verdanken wir seiner Marotte, von allen Schreiben Durchschläge und Kopien anzufertigen, zum Teil auf der Rückseite alter Prosamanuskripte. Auch die sind als Anhang abgedruckt. Die Gegenbriefe, sollte es sie überhaupt geben, liegen dagegen nicht vor. Drei Adressaten hat Türmer: seine Schwester Vera, seinen Jugendfreund Johann und Nicoletta Hansen, eine Nachwendebekanntschaft aus dem Westen.
Zwei große Erzählstränge ziehen sich durch die Briefe, zum einen der Bericht über das, was sich in Altenburg, Dresden, Leipzig und Ost-Berlin in den Monaten vor und nach dem Mauerfall ereignet hat und zum anderen - in den Briefen an Nicoletta - die Erzählung der Jugend und des Heranwachsens in der DDR. Türmer wächst ohne Vater in bürgerlichen Verhältnissen in Dresden auf, träumt schon in der Schule davon Schriftsteller zu werden, versieht seinen Militärdienst, studiert Philologie, wird Dramaturg am Theater in Altenburg, schließt sich nach der Wende einer von Bürgerrechtlern gegründeten Zeitung an, macht sich anschließend mit einem auf Profit orientierten Anzeigenblatt selbstständig, geht Pleite und türmt. Das kommt einem sehr bekannt vor, denn in den Eckdaten ähnelt Türmers Lebenslauf dem Ingo Schulzes. Wie schon in seinem Erfolgsbuch "Simple Stories" jongliert Schulze mit autobiographischen Fakten und Fiktion. Nochmals: man hüte sich davor, das gleich zu setzen mit einer Autobiographie. Denn Schulze hat sein eigenes Leben nicht einfach zu dem seiner Romanfigur hochgerechnet. Schulzes Technik funktioniert eher wie eine umgekehrte Mimikry. Er zeigt eine Figur, die er selbst zu sein scheint, die er aber in Wahrheit gar nicht ist.
Dabei gelingt ihm ein literarischer Coup. Türmers Briefe haben die Eigenschaft, je nach Adressat nur Ausschnitte der Wahrheit zu berichten oder sie zumindest passend einzufärben. Widersprüche, Lügen und taktische Winkelzüge werden erst nach der Lektüre aller Briefe offensichtlich. Daran ist auch der Herausgeber nicht ganz unschuldig. In seinem Fußnotenapparat unterstellt er Türmer einen durchtriebenen Plan. Angeblich habe er von Anfang an nichts anderes vorgehabt, als seine Freundin an den windigen Investor Baron von Barrista zu verkuppeln, seinem Freund Johann die Priesterlaufbahn zu vermiesen und ihn dann nach Altenburg zu locken und zum Kompagnon zu machen, sich an den Mitbegründern des engagierten Wochenblattes zu rächen, selbst reich zu werden und dann abzutauchen. Türmer wird eine typische Wendekarriere angedichtet, er habe sich mustergültig vom apolitischen Individuum, zum Dissidenten und dann zum Gewinnler entwickelt. So könnte es gewesen sein, es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Denn Türmers Briefe lassen eine Vielzahl von Interpretationen zu, sie spiegeln sich gegenseitig, widerlegen oder ergänzen sich. Die Wirren der Wende, mir sei an dieser Stelle der platte Ausdruck verziehen, lassen sich nicht geradlinig wiedergeben. Und so wirr die Wende im Ganzen war, genauso wirr ist mitunter Türmers Lebensbeschreibung. Das, was dem Leser in Bruchstücken in den Briefen geliefert wird, setzt sich nicht zu einem Kontinuum zusammen, es bleibt eine in unzähligen Spiegelscherben gebrochen reflektierte Lebensgeschichte.
Einmal fragt sich Türmer, wie der Westen in seinen Kopf gekommen sei und was er dort angerichtet habe. Diese Frage bleibt im Grunde unbeantwortet. Bis heute sind sowohl Osten als auch Westen nicht in der Lage, sich vom jeweils anderen ein richtiges Bild zu machen. Das führt Schulze an der innerlich zerissenen Figur Enrico Türmers exemplarisch vor. So scharf und genau auch die Einzelepisoden gezeichnet sind, vom DDR-Alltag über Montagsdemo, Begrüßungsgeld, Reisefreiheit, großspurigem Gehampel am Roulettisch in Monaco, bis hin zu den physischen und emotionalen Wunden, die der Kapitalismus schlägt; so genau das im einzelnen fokussiert ist, ein scharfes, klar konturiertes Gesamtbild will sich einfach nicht einstellen. Wie im wirklichen Leben, eben.
Ganz nebenbei setzen sich die Briefe Türmers am Ende zu dem zusammen, von dem Enrico stets geträumt hat, der große Roman seines Lebens. Freilich sieht der anders aus, als von Türmer ursprünglich beabsichtigt. Es ist keine homogene Weltbeschreibung, die sich nach strengen, deterministischen Regeln logisch entwickelt, sondern eine polyphone und polymorphe Komposition, die spielerisch daherkommt, in deren Vielschichtigkeit aber soviel Arbeit steckt. Tatsächlich hat Ingo Schulze, wie er selbst sagt, viele entbehrungsreiche Jahre lang über "Neue Leben" gebrütet, und trotz vieler schmerzlicher Streichungen und Straffungen sind es dann am Ende doch noch fast 900 Seiten geworden. Doch die verstecken die schweißtreibende Schwerstarbeit hinter einer ironisch-heiteren Leichtigkeit, die die Lektüre dieses Romans, eines der besten über die Wendezeit, zum Genuss werden lassen.