Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2006

Zonengabi und die Dachgeschossdeppen - Peter Richter und seine Heimatkunde der "Blühenden Landschaften"

April 2006

Die Satirezeitschrift "Titanic" hievte kurz nach Mauerfall ein Mädel auf die Titelseite, das unschwer an Kleidung und Frisur als "Zonengabi" zu erkennen war. Zonengabi hielt ihr Glück in Händen, nämlich die erste Westbanane, die sich beim Hinschauen als gute wässrige Hollandgurke entpuppte. Kaum raus aus der DDR, schon wurde sie beschissen; arme Zonengabi. Mit einer liebevollen Hommage an eben diese inzwischen fast in Vergessenheit geratene Zonengabi startet Peter Richter seine Heimatkunde. "Blühende Landschaften" ist ein locker hingepinselter Bilderbogen über deutsch-deutsche Befindlichkeiten in den 90er Jahren.

RichterPeter Richter: Blühende Landschaften. Eine Heimatkunde.

224 Seiten (TB)
München: Goldmann 2005

Jetzt bestellen!


Peter Richter, geboren 1973 in Dresden, entschloss sich 1993, nach Hamburg umzusiedeln. Nach einem Studium der Kunstgeschichte arbeitete er als Autor und freier Journalist unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die FAZ und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, wo er auch die 14tägige Kolummne "Blühende Landschaften" schreibt. Aus dort bereits erschienenem und überarbeitetem Material und neuen Texten hat Richter nun den vorliegenden Band zusammengestellt.

Der Ausgangspunkt ist ebenso einfach wie vielversprechend. Der Ex-Ossi mit inzwischen hinreichender West-Erfahrung macht sich auf den Weg durch Deutschland. Wie also sieht der Westen mit den Augen des "Ossis" aus, und wie und warum wurde der "Ossi" erst vom Westen erfunden? Was sind bloße Vorurteile auf beiden Seiten, und was hat einen realen Hintergrund? Wenn schon die Landschaften nicht blühen, dann wenigstens die Vorbehalte. Wer hat hier wen verschluckt? Die BRD die DDR, oder doch umgekehrt? Ostalgie versus Ossi-Bashing. Vieles was darüber in den letzten Jahren geschrieben und gesagt wurde, war sehr oft wenig mehr als Klischee oder Heiter-Besinnliches, ehrlich war es in den seltensten Fällen. Richter begeht nicht den Fehler objektiv sein zu wollen, nein, er schildert einfach seine ganz subjektive Sicht auf die alten und die neuen Bundesländer.

Eindringlich, humorvoll und mitunter auch provokant erzählt er davon, wie er vor knapp 10 Jahren aus dem Tal der Ahnungslosen nach Hamburg kam, dem selbsternannten Tor zur Welt. Eine Drei-Zimmer-Wohnung kostete hier so viel wie eine ganze Straße in Halle Neustadt und doch sah es an vielen Stellen an der Elbe nicht besser aus als an der Saale. Natürlich waren da die weißen Villen an der Alster. Doch die wiederum waren für Richter damals (und eigentlich heute noch) Ausdruck der sterilen (West)Stadt schlechthin. Richter kam sich vor wie auf einer Modelleisenbahnplatte, gestaltet von Dr. Helmut Kohl und den seinen. Durch diese Modellbahnlandschaft fährt er nun und erzählt von dem, was er am Fenster vorbeiziehen sieht. Dabei reißt Richter den Menschen in Ost und West gleichermaßen die Masken vom Gesicht und zeigt, wie absurd menschliches Verhalten sein kann, hüben wie drüben. Die Selbstgefälligkeit der Dachgeschossdeppen wird ebenso gegeißelt, wie das Selbstmitleid und die Weinerlichkeit der Ossis. Und vor dem Hintergrund der im Westen gewonnenen Erfahrungen analysiert der Autor ohne falsche Nostalgie die Befindlichkeit der Menschen und das Leben damals in der DDR sowie heute in den "neuen" Bundesländern. Für Nostalgie gibt es auch keinen Grund, denn Richter findet genügend Unrat in den Hinterhöfen und den versteckten Winkeln des Westens und gleichzeitig genügend blinde Flecken in den Erinnerungen des Ostens.

So geht es munter durch die Milieus, werden unter Ost-West-Aspekten "Wohnwelten", "Stilfragen","Bettgeschichten" erörtert und über Tanzstile diskutiert, die es nur im Osten gibt. Diese Blicke durch die ost-westliche Brille werden durchgehend in einem angenehm boshaften Tonfall geschildert, der bisweilen bissig ist, aber niemals gehässig wird. Und für so manche Ost-West-Diskussion am Arbeitsplatz, in der Kneipe oder am WG-Tisch (denn diese Diskussionen werden uns noch einige Zeit verfolgen) lassen sich in Richters Heimatkunde für beide Seiten zahlreiche, anregende Argumente finden.