Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2006

Der Tod ist ein Irrtum - Ein intime Erinnerung an Heiner Müller in Fotos und Gedichten

Februar 2006

"Ich liebe dich und werde nie vergessen / Deinen ersten Blick auf meine gierigen Hände / In meine gierigen Augen" so beschrieb Heiner Müller in einem Gedicht die erste Begegnung mit Brigitte Mayer. 1990 war das, auf der Frankfurter Buchmesse. Nur kurze Zeit später sind sie ein Paar. 36 Lebensjahre trennen die junge Fotografin (25) von dem großen Dichter und Regisseur (61); ihrer Liebe kann das nichts anhaben. 1992 kommt Tochter Anna zur Welt.

Der Tod ist ein IrrtumHeiner Müller & Brigitte Maria Mayer,
Der Tod ist ein Irrtum

Ein Erinnerungsbuch mit zahlreichen Fotos, Texten und Faksimiles.
Suhrkamp Verlag

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Drei Jahre später, am 30. Dezember 1995, stirbt Heiner Müller. Eine weitere Dekade mußte ins Land ziehen, bevor Brigitte Maer sich entschliessen konnte, ein ganz persönliches Erinnerungsbuch zu gestalten und herauszugeben. "Der Tod ist ein Irrtum" versammelt Fotos, Textfragmente und Skizzen, die einen sehr intimen Blick auf die Beziehung dieses ungleichen Paares und auf die letzten, von der Krebskrankheit vorherbestimmten, Lebensjahre des Dichters zulassen.

Es gehörte zum Alltagsspiel des verliebten Paares, sich gegenseitig mit einer Polaroidkamera zu fotografieren, im Bett, halbwach oder schlafend, beim Frühstück, bei der Arbeit am Schreibtisch, beim Blick in den Spiegel oder einfach nur in entspannten Familiensituationen. Diese Fotos wirken wie der naive Versuch, das Glück des Augenblicks, die fliehenden Momente des Alltag festzuhalten; sie sind lakonisch, unsentimental und nüchtern. Doch gerade dadurch kommen sie dem Dichter und Familienvater und seiner jungen Ehefrau so nah. Mayer verzichtet auf Kommentierung und Erläuterung, sie breitet einfach ihr privates Material aus und greift allenfalls behutsam sortierend ein. Eines der schönsten und anrührendsten Fotos zeigt Heiner Müller im weißen Bademantel auf dem Balkon, auf dem Arm hält er Tochter Anna. Beide schauen schüchtern lächelnd, beinahe ertappt in die Kamera. Man sieht Heiner Müller an, wie er diesen kleinen Glücksmoment genießt.

Das was Brigitte Mayer mit der Polaroidkamera festgehalten hat, zeigt nicht den sarkastischen Apokalyptiker, als der sich Heiner Müller gerne inszenierte und den seine Texte voreilig vermuten lassen. Als sich Mayer und Müller kennenlernten, war er auf der Höhe des Ruhms, er galt weltweit als wortgewaltiger Schriftsteller, war gefragt als zynischer Beobachter der gesellschaftlichen und künstlerischen Entwicklung der Nachwenderepublik und kleidete seine öffentlichen Auftritte in eine Aura des Unterkühlten und Unnahbaren. Müller war eine Art intellektueller Popstar. Mayers Foto zeigen nun genau das Gegenteil. Hier sehen wir einen Mann, der seine Verliebtheit genießt und die Freuden der Vaterschaft, einen Mann, der alles andere ist als cool und distanziert.

So nah er dem Glück auch war, so nah war er auch dem Tod. Ein Foto zeigt Müller nach einer Operation (er hatte Speiseröhrenkrebs); er liegt im Bett, abgemagert, matt und zusammengesunken. Trauer und Freude gehen in diesem Erinnerungsbuch Hand in Hand. Zwischen den Fotos immer wieder kleine Textstücke und Notizzettel, z.B. eine für Brigitte am Anfang ihrer Beziehung hingekritzelte Wegbeschreibung zu seiner Wohnung. Dieses Buch ist eine ganz spezielle Liebesgeschichte zweier Personen, doch durch die künstlerische Collage bekommt sie allgemeinen Charakter. Und es zeigt beeindruckend, wie stolz und aufrecht der Dichter, der so häufig über Tod und Vernichtung geschrieben hat, mit dem eigenen Sterben umgehen konnte. Auf einem der letzten Bilder, aufgenommen am Tag seines Todes, sieht Müller dem Betrachter wach und skeptisch in die Augen.

Jeder, der die kühlen, mitunter rohen und brutalen Texte Müllers zu schätzen weiss, sollte auch dieses poetische Erinnerungsbuch durchblättern, als warmes Gegenstück.