Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2006

Genie und Wahnsinn - Ein umfassender Bild- und Textband zum Phänomen der Melancholie in der europäischen Kunst

April 2006

Melancholie ist ein Begriff aus der Medizin des alten Griechenland und bedeutet Schwarzgalligkeit. Nach einer in der Antike geprägten Lehre wird der Körper von vier Säften beherrscht, schwarze und gelbe Galle, Blut und Schleim. Das Mischungsverhältnis dieser Körpersäfte bestimmt die Gemütslage; Schwermut wird demnach durch einen Überschuss an schwarzer (melas) Galle (chole) ausgelöst. Moderne Lexika definieren Melancholie als eine von Schmerz, Traurigkeit oder Nachdenklichkeit geprägte Gemütsstimmung.

MelancholieMelancholie - Genie und Wahnsinn in der Kunst
Hrsg. von Jean Clair und Peter Klaus Schuster

Ausstellungskatalog
Hatje Cantz Verlag

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Der Melancholiker, der auch eines der vier Grundtemperamente darstellt, nimmt, anders als der Depressive, mit seinem ins Leere gerichteten Blick eine tiefere Wahrheit ins Visir, die der aussenstehende Betrachter nur erahnen kann. Der Depressive sieht vor lauter Elend nur sein Elend, ist qausi im Diesseits eingefroren, dreht sich ohne Erkenntnisgewinn nur um sich selbst. Der Melancholiker blickt ins Jenseits, erweitert seinen Horizont, sucht in der melancholischen Vertiefung nach Lösungen. Schon Aristoteles meinte erkannt zu haben, daß sich alle außergewöhnlichen Persönlichleiten in Philosophie, Politik, Dichtung oder bildender Kunst erweisen. Gleichzeitig konstatierte er, daß in der Melanchlie Genie und Wahnsinn eng beieinaderliegen, daß Menschen von besonderer Kreativität Gefahr laufen, bis zur völligen Resignation in ihrer Gedankenwelt verloren zu gehen.

Was also, dachte sich der französische Kunsthistoriker Jean Clair, liegt näher, als sich in einer großen Ausstellung mit dieser antiken Genievorstellung und ihrer Nachwirkung auf mehr als zwei Tausend Jahre Kunstgeschichte auseinanderzusetzen. Nach langer, intensiver Vorbereitung präsentierte Clair vom Oktober 2005 bis zum Januar 2006 in Paris sein Ergebnis. Die Ausstellung, die erste umfassende zu diesem Thema überhaupt, lockte durchschnittlich vier Tausend Besucher pro Tag ins Grand Palais. In leicht abgwandelter Form zog die faszinierende Schau anschließend von Februar bis Mai 2006 in die Neue Nationalgalerie in Berlin und entwickelte sich auch dort zum Publikumsmagneten. Über 300 Werke (unter anderem von Dürer, Cranach, Füssli, Friedrich, van Gogh, Munch, Hopper und Immendorf) zeigen die Melancholie als geistige Quelle großer künstlerischer und wissenschaftlicher Schöpfungen von der Antike bis ins frühe 21. Jahrhundert.

Der hier vorgestellte Katalogband (in der "Berliner Version") ist auch ohne einen Ausstellungsbesuch eine lohnende Anschaffung, weil er eine konzise, reich bebilderte Kulturgeschichte der Melancholie darstellt. In grundlegenden Aufsätzen und einzelnen Werkbeschreibungen wird die über die Jahrhunderte hinweg changierende Bedeutung und Wertigkeit der Schwermut als sinn- und kulturstiftende Gemütsverfassung beschrieben. Das Bild der Melancholie schlechthin entwarf Albrecht Dürer 1514 mit seinem emblematischen Kupferstich "Melencolia I"; dieses Programmbild versucht, das gesamte humanistische Wissen der Renaissance über das Verhältnis von Genie und Wahnsinn zu vereinen. Dabei überwindet es das simple Schwarz-Weiß-Denken des Mittelalters, in dem die Melancholie als satanische Höllengeburt betrachtet wurde, und knüpft wieder an die griechisch antike Vorstellung von der außergewöhnlich schöpferischen Kraft der Melancholie an. Das Geheimnis der Melancholie, diese tiefe unergründbare Kraft des Saturnischen, wurde zur Obsession von Alchemisten, Astrologen, Medizinern und Künstlern. Im Barock vereinigte sich die Schwermut mit der Vanitas, dem Wissen über die Eitelkeit und die Vergänglichkeit der Welt. Das irdische Leben hält nur Resignation bereit, die Schwermut versenkt sich in der Vorstellung des Jenseits. In Aufklärung und Romantik rückt die Melancholie-Idee schließlich immer weiter weg vom Intellekt hin zur Empfindsamkeit. Das ruft im frühen 20. Jahrhundert eine neue Wissenschaft auf den Plan: die Psychatrie. Genie und Wahnsinn werden statistisch und systematisch untersucht. Und während die einen eine Psychopathologie des Geistes entwickeln, nutzen die anderen die Schwermut stärker denn je als Inspirationsquelle der Avantgarde.

Je weiter wir uns unserer gegenwärtigen Lebenswelt nähern, desto mehr verliert die Melancholie jene geheimnisvolle Kraft, die ihr in der Vergangenheit beigemessen wurde, bleibt in einer lähmenden Traurigkeit, im Aussichtslosen hängen. Embleme und Symbole der Melancholie werden nur noch zitiert, stehen nicht mehr für eine tiefergehende Beschäftigung mit oder einen wirklichen Glauben an die Kräfte der Schwermut. Ob die Melancholie als "Leidkultur" (sic!) auch noch für das 21. Jahrhundert taugt, darauf gibt das Katalogbuch keine eindeutige Antwort. Aber vielleicht läßt sich ja durch den Blick zurück der Blick nach vorn entsprechend neu schärfen. "Melancholie - Genie und Wahnsinn in der Kunst" bietet für diese Auseinandersetzung genügend kurzweiliges und lehrreiches Material.