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Die einsame Jagd auf den tasmanischen Tiger - Mit ihrem Debüt tritt Julia Leigh in die Fußstapfen von Ernest Hemingway

Mai 2006

Der Mann nennt sich Martin David und ist von Beruf Killer. Doch seine Opfer sind nicht rivalisierende Gangster, säumige Gläubiger oder Menschen, die er im Auftrag neidischer oder eifersüchtiger Mitmenschen umbringen soll. Nein, Martin David erlegt Tiere. Sein jüngster Auftrag führt den eigenwilligen Jäger nach Tasmanien, wo er den möglicherweise letzten Beuteltiger niederstrecken soll - auf Befehl eines Pharmakonzerns, der das Tier für gentechnische Experimente ausschlachten möchte.

LeighJulia Leigh: Der Jäger.
Aus dem Amerikanischen von Christel Dormagen.

200 Seiten (TB)
Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004

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Wer nun einen der üblichen Ökö-Thriller, gewürzt mit wilden Abenteuern, Liebesgeschichten und Happy-End, erwartet, der wird von Julia Leigh enttäuscht. Wer aber eine intensive und dicht gewobene Erzählung über eine ungewöhnliche Jagd und die damit verbundenen Gefühle des Jägers sucht, dem sei "Der Jäger" unbedingt empfohlen.

Julia Leigh verzichtet auf Action, moralisches Engagement und politische Botschaften. Darf man Tiere aus Profitgier töten? Warum wehrt sich niemand gegen den Frevel wider die Natur? Was treibt den Jäger? Diese oder ähnliche Fragen interessieren sie nicht und werden deshalb zu keiner Zeit gestellt. Dagegen wird mit fast magischer Kraft beschrieben, wie der Jäger einfach seinen Job erledigt.

Als Naturforscher getarnt kommt David nach Tasmanien. Als Basisstation für die Suche nach dem Beuteltiger soll ihm die Farm der Armstrongs dienen. Hier trifft er Lucy, die Mutter, die depressiv im Bett liegt seit ihr Mann verschollen ist, Sassafras, die überkandidelte Tochter, die versucht den Haushalt zwischen Müllbergen, schmutziger Wäsche und vergammelten Lebensmitteln am Leben zu erhalten und Bike, den kleinen introvertierten Sohn, der seinen Vater vermißt.

Martin David pendelt von nun an zwischen dieser miefig, klebrigen Kinderwelt auf der Farm und dem wilden Hochplateau, auf dem der Beuteltiger zuletzt gesichtet wurde, hin und her. Es sind zwei völlig verschiedene Welten, in denen er sich bewegt und auf die er jeweils ganz unterschiedlich reagieren muss. Auf dem Plateau ist Martin der Jäger, der archaischste Techniken der Jagd anwendet, um dem Tiger auf die Spur zu kommen und auf der Farm verstrickt er sich gegen seinen Willen immer mehr in ein zwischenmenschliches Beziehungsgeflecht. Vor allem Bike, der inmitten der häuslichen Katastrofe merkwürdige Spiele spielt, hat es ihm angetan. Martin David beginnt, gegen seinen Willen, Gefühle für die gesamte Familie zu entwickeln, kann sich sogar vorstellen, mit der Frau und den Kindern auf der Farm zu leben.

Doch dann zerstört ein Feuer auf dem Anwesen diese sich langsam entwickelnde Beziehung. Das Mädchen erleidet schwerste Verbrennungen, der Junge kommt zu Pflegeeltern und die Mutter wird vollends verrückt. Wie Julia Leigh dieses Unglück und die Reaktion Martin Davids darauf schildert, läßt garantiert selbst hartgesottene Zeitgenossen nicht kalt. Emotional ist Martin David zerschmettert, doch seinen Auftrag bringt er zu Ende. Er bringt den Tiger zur Strecke: es war ein Weibchen, als Letzte ihrer Art ohnehin zum Aussterben verurteilt, beruhigt sich der Jäger. Der natürliche Kreislauf des Lebens ist endgültig durchbrochen. Eine Wiederauferstehung des Tieres im Genlabor kann sich David ebenso wenig vorstellen, wie eine Wiederkehr des durch das Feuer auf der Farm zerstörten Familienidylls. Dem im Innersten erschütterten Jäger bleibt am Ende nur die Fortsetzung seiner kaltblütigen Schlachterarbeit.

"Der Jäger" ist der Debütroman von Julia Leigh, die 1970 in Sidney geboren wurde und nach diesem Roman zu den wirklich hoffnungsvollen Talenten gezählt werden muss. "Der Jäger" ist eine brilliante 200-Seiten lange Short-Story, die in verblüffender Weise funktioniert. Julia Leigh ist eine Meisterin des Verknappens und Verdichtens und sie beschenkt ihre Leser mit einem flirrenden Wechselspiel von Innen- und Aussenwelt. Wie in Ernest Hemingways "Der alte Mann und das Meer" wird hier die existenzielle Grunderfahrung der Jagd geschildert, wenn auch mit anderen Vorzeichen und ganz anderem Ausgang.