Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2006

Von Schaffnern, Gangstern und wertvollen Uhren - Steffen Kopetzky und seine "Grand Tour" mit dem Schlafwagen durch Europa

Juni 2006

Steffen Kopetzky hält sich gerne für einen wahren Meister der Schriftstellerei, für einen Großmeister der Zunft und ganz unbescheiden bemüht er dabei mitunter sogar den Vergleich mit James Joyce. So was wie den "Ulysses" oder - noch vermessener - "Finnegans Wake" würde Kopetzky gerne auch einmal zu Papier bringen. Wen wunderts also, wenn sein Verlag das jüngste Kopetzky'sche Produkt mit dem Siegel "Monumentalwerk der deutschen Gegenwartsliteratur" auf den Markt wirft. Doch leider klaffen hier Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.

KopetzkySteffen Kopetzky: Grand Tour oder die Nacht der großen Complication.

735 Seiten (TB)
München: btb 2004

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Zugegeben: fabulieren und erfinden, das kann er, der Kopetzky, doch je weiter der Roman voranschreitet, desto wackeliger wird seine Konstruktion. Und weil die Geschichte im Eisenbahnmilieu spielt, ist es durchaus legitim zu kalauern, daß zu viele Erzählstränge auf dem Abstellgleis landen, bevor sie richtig Fahrt aufnehmen konnten.

Doch der Reihe nach, worum geht es eigentlich? Der glücklose Arcchitekturstudent Leo Pardell läßt sich um seine gesamten Ersparnisse prellen. Den vollmundig avisierten Sprachaufenthalt in Argentinien spielt er jetzt seiner Familie und seinen Freunden von Europa aus vor, während er seinem Job als Hilfsschaffner bei einer Schlafwagengesellschaft nachgeht. Quer durch den Kontinent reist er dabei; von Kopenhagen nach Rom, von Madrid nach München, von Paris nach Lissabon. Unterwegs trifft Pardell auf die merkwürdigsten Zeitgenossen: korrekte Beamte, bulgarische Verführungskünstler, korrupte Schaffner, Rentner, eine kluge Buchhändlerin, melancholische Detektive, Pilgergruppen, Brüsseler Bürokraten, eine russischen Beischlafdiebin usw. usw. ...

Und dann kreuzt den Weg des ahnungslosen Pardells auch noch eine legendäre Uhr: die "Ziffer à Grand Complication 1924", die erste mechanische Uhr mit Jahrtausendanzeige. Genau dieser Uhr jagt auch wütend und verzweifelt der fanatische Sammler und Rechtsanwalt Friedrich von Reichhausen nach, ein Mann der sich selbst voller Überzeugung der "Würger" nennt und den unsichtbare Gegner kreuz und quer durch Europa jagen, um ihn zu narren und zu schröpfen. Natürlich endet das ganze mit einem furiosen Finale in der Sylvesternacht der Jahrtausendwende, dem Augenblick also, in dem in der berühmten "Ziffer" sich ein kleines Rädchen in Bewegung setzt, um mit einen kleinen Klick die große Complication (so nennen Uhrmacher die kleinen technischen Spielereien, die über das reine Anzeigen der Zeit hinausgehen) des Jahrtausendzählers zum ersten mal in Gang zu setzen.

Hunderte von Figuren und Nebenfiguren bevölkern Kopetzkys Roman. Leider wachsem dem Leser aber nur zwei wirklich ans Herz, nämlich neben der Hauptfigur Pardell nur noch der wutschnaubende Rechtsanwalt Reichhausen. Das gesamte übrige Personal bleibt eher blass und erfüllt bloß artig die Funktion, die Handlung entweder voranzutreiben, abzubremsen oder auf Nebenstrecken zu leiten. Nochmal, dem Autor ist wirklich Respekt zu zollen, denn das ist alles geschickt gemacht, ordentlich konstruiert, von überbordender Fabulierlaune und voller pfiffigem Erfindungsgeist; "Grand Tour" ist mit Sicherheit ein literarisches Husarenstück.

Nur leider geht Kopetzky bei seinem Parforceritt immer wieder mal die Puste aus. Nach der Lektüre der prall gefüllten 740 Seiten des Romans bleibt deshalb ein schaler Nachgeschmack, auch wenn man nicht wirklich den Überblick verliert. Über weite Strecken ist das alles einfach zu selbstverliebt und zu sehr bemüht, die große Kunstfertigkeit seines Autors unter Beweis zu stellen. Kopetzky hätte sein Buch, das ganz offensichtlich am Vorbild des barocken Picaroromans à la Cervantes oder Grimmelshausen ausgerichtet ist und diesem Vorbild durchaus auch über weite Strecken mehr als gerecht wird, gut und gerne auch auf 1500 Seiten aufblasen oder aber schon nach 350 Seiten beenden können. Das ist die wirkliche Schwäche der "Grand Tour", daß sie sich zu sehr in Formspielereien verliert, manchmal einfach zu detailverliebt ist und zwischen den Zeilen immer wieder den Autor hervorschielen läßt, damit der dem Leser zurufen darf: "Bin ich nicht ein toller Schriftsteller!?" Antwort des Lesers: "Ja, das sind Sie Herr Kopetzky, nur sollten Sie das nicht unablässig überbetonen."