Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2006

Gauß und Humboldt - Daniel Kehlmann beschreibt das Leben zweier Einzelgänger und skizziert eine Epoche

Februar 2006

Was treibt große Naturwissenschaftler an, wie denken und leben sie? Dieser Frage geht Daniel Kehlmann in seinem heiter-spekulativen Historienroman nach, wobei seine Protagonisten kaum gegensätzlicher sein könnten. Alexander von Humboldt (1769 - 1859), der weltreisende Geologe, Biologe und Ethnologe, und Carl Friedrich Gauß (1777 - 1855), der Mathematiker, Astronom und Physiker. Den einen zieht es auf endlosen Entdeckungsreisen hinaus in die (damals noch weitestgehend unbekannte) Welt, der andere hockt in seiner Göttinger Gelehrtenstube, brütend über die Rätsel der theoretischen Mathematik und die Weiten des Weltalls, der eine ganz Empiriker, Theoretiker der andere.

KehlmannDaniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt

304 Seiten
Rowohlt Verlag

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Kehlmann entwirft kapitelweise hin und her springend ein Doppelporträt deutscher Gelehrsamkeit zu Zeiten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, einer Epoche, die geprägt war vom Drang nach natur- und geisteswissenschaftlicher Aufklärung. Geforscht wurde mit dem Ziel der praktischen und theoretischen Beherrschung der Natur, es ging um eben nichts anderes als die "Vermessung der Welt". Verbunden mit dieser erkenntnistheoretischen Vermessung war der Traum vom besseren und leichteren Leben, von mehr Freiheit.

Gauß und Humboldt, jeder auf seinem Gebiet, haben unbestritten wertvolle Arbeit geleistet bei dieser Vermessung der Welt. Doch erreicht haben sie das nicht als souveräne Gelehrte, nein, Kehlmann schildert sie als ausgesprochene Sonderlinge, als ganz und gar nicht ausbalancierte Charaktere, als Einzelgänger. Im Prinzip sind beide Zeit ihres Lebens nur auf der Flucht vor sich selbst und ihren Unzulänglichkeiten. Humboldt gibt dabei den verbohrten Empiriker und Gauß den ebenso verbohrten Analytiker. So bemüht sie auch sind, sich aus den Fängen ihrer Abstammung zu befreien, die politschen und sozialen Barrieren ihrer Zeit zu überwinden, sie scheitern letzlich doch an ihrem Unverhältnis zum Leben. Das gipfelt am Ende des Romans in einer Begegnung der beiden, die kurioser und peinlicher kaum sein kann. Sie nehmen teil an einer Geisterbeschwörung, bei der ein Kommandant der Berliner Gendarmerie herauszubekommen versucht, wo seine Großmutter das Erbe versteckt hat. Gauß wiederum hofft, mit Hilfe des Kommandanten seinen Sohn Eugen aus dem Kerker zu befreien. Sind Gauß und Humboldt die typischen Vertreter der Aufklärung, so steht Eugen stellvertretend für die Folgegeneration, nämlich die Romantiker, die das Primat der Vernunft, so wie es ihre Eltern etabliert haben, in Frage stellen. Ihnen, den Romantikern, gilt das Gefühl mehr als der Verstand. Nur führt dieses Extrem genauso ins Verderben, wie Eugen beweist. Irgendwie enden deutsche Intellektuelle immer in Düsternis und Trostlosigkeit.

"Die Vermessung der Welt" ist kein mit philosophischen und wissenschaftlichen Exkursen gespickter Historienschinken. Kehlmann legt hier keine genauen Lebensbeschreibungen Gauß' oder Humboldts vor, ihm ist auch nichts an der enzyklopädischen Detailverliebtheit und -besessenheit gelegen, mit der Thomas Pynchon die beiden Geometer Mason und Dixon porträtiert hat. (Obwohl Kehlmann den Altmeister Pynchon schätzt und bewundert.) Was er vorlegt, ist eher eine satirische Skizze als ein ausgefertigtes Gemälde. Mit einer gehörigen Portion Ironie, ohne aber dabei boshaft zu werden, jongliert Kehlmann mit Erkenntnissen, Spekulationen und Anekdoten. Bei letzteren ist nicht immer erkennbar, was wahr und was erdacht ist. Das führt letztlich dazu, daß die großen Männer vom Sockel gestoßen werden, ohne ihnen wirklich schwere Verletzungen beizufügen. Auf alle Fälle malt dieser Roman ein stimmiges Epochenbild der Aufklärung und ist unterm Strich ein durchaus aktuelles Buch mit historischem Personal.

Daniel Kehlmann, Jahrgang 1975, gehört unbestritten zu den großen literarischen Talenten deutscher Sprache. Schon mit "Ich und Kaminski", einer funkelnder Satire auf die Wichtigtuerei des Kunst- und Kulturbetriebs, hat er das nachdrücklich bewiesen. Mit "Die Vermessung der Welt" ist ihm nun endlich und völlig zurecht der internationale Durchbruch gelungen.