April 2004
Skye und Farald sind ein ideales Paar, sie wohlhabende Tochter aus gutem Hause, beruflich erfolgreich und Kunstsammlerin mit Gespür, er angesehener Universitätsprofessor an einer der renommiertesten Universitäten Amerikas. Nun soll ihr Glück vollendet werden, indem Antonin, ein befreundeter Stararchitekt, für die beiden ein Haus entwirft. Maßgeschneidert auf ihr Leben, ihre Wünsche, ihre ästhetischen Vorlieben soll es sein - kurz: dieses Haus soll das Sinnbild ihrer harmonischen Ehe werden.
Gregor Hens: Himmelsturz.
220 Seiten (TB)
München: btb 2004
Da erscheint eines Tages die Studentin Helene in Faralds Sprechstunde. Er fühlt sich der jungen Frau sofort verbunden, spürt eine eigenartige Nähe zu ihr, obwohl er sie doch gar nicht kennt. Er stellt sie seiner Frau vor. Helene und Skye verstehen sich auf Anhieb und auch Antonin zeigt reges Interesse an Helene.
Je weiter der Bau des Hauses voranschreitet, desto klarer wird Farald, daß sich sein Leben, seine berufliche Karriere, ja sogar seine mustergültige Ehe mit Skye in einer Sackgasse befinden. Vor allem bemerkt er, daß seine Liebe zu Skye von den scheinbar so perfekten äußeren Umständen erdrückt wird. Plötzlich steht für Farald fest, daß er niemals in das vermeindliche Traumhaus ziehen wird. Auch seine Beziehung zu Helene gestaltet sich anders, als Farald sich das vorstellt; sie wird Antonins Geliebte und bekommt ein Kind von ihm. Ein Sturz aus allen Wolken. Konsequent bricht Farald alle Brücken hinter sich ab und geht nach Lissabon, um ein neues Leben zu beginnen. Das Haus wird verkauft.
Architekten, sagt Gregor Hens, hätten ihm nach der Lektüre des Romans mehrfach bestätigt, seine Geschichte sei durchaus realistisch. Nicht selten erleben Paare die Fertigstellung des gemeinsam geplanten Hauses nicht, weil sie sich trennen. Ein Haus zu bauen, sei immer auch der Versuch einen Lebensentwurf zu formulieren, doch oft wird dieser Lebensentwurf noch im Akt des Ausformulierens - also beim Bauen - hinfällig. Für Hens ist Architektur eine Metapher, an der er andere Ideen und Vorstellungen abarbeitet; das Haus wird zum leeren Abbild eines Lebenstraumes, zur toten Hülle.
Gleichzeitig steht "Himmelssturz" in der langen Tradition deutscher Amerikaromane. Obwohl der Roman in den USA spielt, sind doch bis auf wenige Ausnahmen alle handelnden Personen Ausländer. So ist Farald, der deutsche Professor an einer amerikanischen Universität, nicht nur auf der Suche nach einem gültigen Lebensentwurf, sondern auch nach einem Zuhause; nicht nach Heimat, denn dieser Begriff ist ideologisch zu beladen. Gregor Hens kennt dieses Gefühl. Seit 14 Jahren lebt und arbeitet er als Germanistikprofessor in den USA. "Das ist mein Zuhause." Sagt er. "Und da will ich auch meine Zeit weiter verbringen. Dennoch habe ich eine gewisse Sehnsucht nach dem deutschen Kulturkreis, die versuche ich zu befriedigen, indem ich deutsche Literatur schreibe."
Dabei liefert Gregor Hens keine geradlinige Erzählung. Er hat die Geschichte von Skye und Farald als verschachtelte Erinnerung angelegt. Erinnerung ist nicht geradlinig, sondern hat Brüche, ist subjektiv und vor allem ist sie nicht chronologisch. Der Leser wird in Faralds Erinnerungsstrom hineingezogen und gleitet mit dem Erzähler durch die Ereignisse. Das erfordert höchste Konzentration bei der Lektüre, denn die vielen ausgebreiteten Mosaiksteinchen setzen sich erst nach und nach zum ganzen Bild zusammen.
Hens Sprache ist sachlich, kühl und konzentriert. "Himmelssturz" ist sehr kunstvoll gebaut ohne dabei gefühllos zu werden. Das Sterben der Liebe von Skye und Farald wird ebenso spannend wie intim erzählt und immer wieder gibt es neue Ebenen, Bezüge und Geschichten hinter den Geschichten zu entdecken. Ein beachtliches Debüt.