Mai 2006
Franklin Foer, der jüngere Bruder von Bestsellerautor Jonathan Safran Foer, hält sich selbst für einen lausigen Fußballspieler. Weil er auf dem Platz aktiv nichts zu reißen vermochte, wurde er zum passiven Fußballfan. Das Internet und vor allem eine große Satellitenschüssel versorgten ihn mit Informationen und Spielen aus aller Welt. Dank eines bequemen Fernsehsessels und einer Fernbedienung wurde Foer so zum Experten in Sachen Fußball aus Europa, Südamerika, Asien oder Afrika.
Franklin Foer - Wie man mit Fußball die Welt erklärt
Heyne Verlag
Doch zunächst blieb der Fußball nur ein Hobby, wenn auch ein zeitraubendes, wie Foer freimütig zugibt. Hauptberuflich arbeitete er als Korrespondent für wirtschaftliche und politische Themen in Washington D.C. und immer häufiger war dort bei Gesprächen mit Managern, Börsenfachleuten und Politikern von der Globalisierung die Rede. Märkte expandierten, Transportwege verkürzten sich, die Bewegung von Ideen, Waren und Individuen rund um den Globus wurde schneller und effektiver. Schnell zog Foer Parallelen zum Fußball: auch der erlebte in den 1990er Jahren seine Form der Globalisierung. Baskische Mannschaften, geführt von holländischen Trainern deckten sich mit walisischen Spielern ein, in Moldavien kickten Nigerianer und der einzige Weg für einen Brasilianer, eine Favela für immer zu verlassen, war Fußballprofi zu werden, am besten im Ausland. Inzwischen hat die Globalisierung des Fußballs dazu geführt, daß bei einer englischen Topmannschaft wie Arsenal London zwar elf erstklassige Spieler auf dem Platz stehen, aber von denen ist keiner mehr Engländer. Der Fußballprofi ist ein internationaler Wanderarbeiter geworden, ein fürstlich bezahlter allerdings. Als sich dann Franklin Foer die Gelegenheit bot, Hobby und Beruf zu kombinieren, griff er zu; eine Reportagereihe zum Thema Fußball und Globalisierung sollte entstehen.
Als er sich für seine Reportagen auf eine Recherchereise rund um den Globus begab, war das anfangs noch von Idealismus und Euphorie geprägte Bild der Globalisierung längst hinfällig geworden. Die weltumspannende Wirtschaft mit ihren lediglich auf Profit und Sharholder Value ausgerichteten Mechanismen hatte sich zu einem Moloch entwickelt, der den Globus eisern umklammert. Anfangs hofften Analysten noch auf Wohlstand und Aufschwung für alle, nun stellten sie resigniert fest, daß die Globalisierung, läßt man ihr freien Lauf, nur eine Zielrichtung kennt: die Reichen werden immer reicher und die Armen haben noch weniger als zuvor. Großkonzerne diktieren die Regeln, denen sich alle anderen unterwerfen müssen, je mehr Grenzen fallen, desto mehr Raum öffnet sich gleichzeitig für Nationalismus und Protektionismus und Religionen werden transformiert zu Waffen im Kampf der Kulturen. All das hatte Franklin Foer im Kopf als er auszog, um in seinen Fußballreportagen diesen großen Weltströmungen im Kleinen nachzuspüren.
Von Rio bis Teheran, von Glasgow bis Barcelona reist Foer auf den Spuren der Fußballkultur und -unkultur. Er trifft Fans, Spieler, Geschäftemacher, Krawallbrüder und unterdrückte Minderheiten; er begegnet Menschen aller Hautfarben, Nationalitäten und Religionen, die für den Fußball leben, ihre Freiheit riskieren, betrügen oder sogar töten. Foer gliedert sein Buch in drei Teile. Der erste versucht zu erklären, warum die Globalisierung uralte Hassgefühle in den großen Duellen nicht hat auflösen können. Hier spielt der Hooligan eine Hauptrolle. Der zweite Teil beleuchtet die wirtschaftlichen Aspekte: die Folgen der Migration, die Korruption und den Aufstieg mächtiger Olifarchen im Sport. Und schließlich verteidigt das Buch auch die Tugenden des altmodischen Nationalismus. Der sei ein geeigneter Weg, um der Rückkehr des Stammesgedanken entgegenzuwirken. Diese Reportagen sind alle meisterhaft geschrieben, bieten spannende und überraschende Einblicke in fremde Kulturen und für uns ungewohnte Alltagswelten. Der Fußballplatz wird zum 105 Meter langen und 68 Meter breiten Spiegel der Welt.
Natürlich kann man mit Reportagen über das Phänomen Fußball die Welt nicht umfassend erklären. Aber man kann bei der Beobachtung des Spieles auf dem Rasen und dem Treiben auf den Rängen ungewöhnliche Blickwinkel einnehmen und gewissermaßen über den Stadionrand hinausblicken. Genau das macht Frnklin Foer in seinen Reportagen. Dabei öffnet er nicht nur sportbegeisterten Lesern neue Perspektiven, die zeigen wie sich die sozialpolitischen Probleme und Hoffnungen der Welt auch im Fußball spiegeln.