Juli 2006
Der erstaunliche Besucheransturm zu den großen Retrospektiven in Rotterdam und New York im Jahr 2001 hat gezeigt, welche ungebrochene Popularität die Werke von Pieter Bruegel, dem Älteren, immer noch genießen. Dieser Maler darf mit Recht zu den großen und zeitlosen Klassikern der Europäischen Kunst gezählt werden. Vor allem seine detailreichen Ölgemälde, deren meist ländliche Szenen uns auch heute noch eine Vorstellung vom Alltagsleben im 16. Jahrhundert vermitteln, begründen Bruegels einzigartige Stellung in der Kunstgeschichte.
Roger H. Marijnissen:
Bruegel - Das Gesamtwerk.
420 Seiten (Großformat) mit 340 überw. farb. Abbildungen.
Frankfurt / M.: Zweitausendeins 2003
Leider vergriffen!
Der bedeutende niederländische Kunsthistoriker Roger H. Marijnissen gilt international als einer der wichtigsten Bruegel-Forscher. Seine hier vorgestellte Monografie ist längst ein Standardwerk geworden. Der großformatige Band zeigt Bruegels komplettes Werk auf 340 überwiegend farbigen Abbildungen, darunter sind zahlreiche Detailstudien, sowie ganz- oder doppelseitige Darstellungen. Hervorzuheben ist, daß Marijnissen auch Bruegels graphische Arbeiten in seine Untersuchungen einbezieht. Zu jedem Gemälde und jeder Graphik wird eine präzise Interpretation auf der Basis des gegenwärtigen Forschungsstandes geliefert. Gerade in den letzten Jahren hat die Kunstgeschichte zum Teil erstaunliche Details zu Tage gefördert und kann mit vielen neuen, überaus nützlichen Hintergrundinformationen aufwarten. Selbstverständlich finden sich darüber hinaus in einem Buch wie diesem genaue Angaben zu Format, Signatur und Standort jedes einzelnen Werkes.
In den frühen Arbeiten zeigt sich Bruegel im wesentlichen als ein klassischer Landschaftsmaler, ganz in der Tradition der flämischen Malerei des 16. Jahrhunderts. Aber schon in jungen Jahren holt er sich bereits Anregungen bei Tizian und anderen italienischen Meistern. Unübersehbar und ganz wesentlich ist natürlich der Einfluss eines großen Vorbildes, des wesentlich älteren Hieronymus Bosch. Vor allen bei den Gemälden, auf denen Menschenmassen abgebildet sind, ist dieses Vorbild nicht zu übersehen. Etwa um 1564 bis 65 beginnt Bruegel, sich auf wenige Figuren in dichteren und deataillierter ausgeführten Gruppen zu konzentrieren. Mit einer Reihe von Monatsbildern (nur fünf davon sind leider erhalten erhalten) kehrt er aber anschleißend zur Landschaft und zu größeren Menschengruppen zurück.
Nicht nur die Menschen, sondern auch ihre Werke faszinieren Bruegel. Schiffe, Häuser und Alltagsgegenstände, alles wird akribisch genau bis ins letzte Detail abgebildet. Denn bei aller Liebe zur ausgefeilten Komposition war Breugel auch immer dem Abbild der Wirklichkeit, dem Dokumentarischen, verpflichtet. Der "Turmbau zu Babel" zum Beispiel reflektiert die Möglichkeiten und die Grenzen der Architektur und ist gleichzeitig ein beredtes Beispiel dafür, wie Breugel auf seinen Gemälden Bewegung einfängt. Der Turm, eigentlich eine Immobilie im wahrsten Sinne des Wortes, dreht sich förmlich. Bewegungen sichtbar machen, Zeit auf Gemälden und Zeichnungen feshalten, das hatte sich Bruegel zum Ziel gesetzt, und auf diesem Feld hat er Zeit seines Lebens experimentiert. Ein weiteres Musterbeispiel ist die "Parablel von den Blinden". Die einzelnen Figuren sind hier in fortlaufenden Momenten des Fallens abgebildet. Dieses Gemälde gehört wegen seiner perfekten Einheit von Form, Inhalt und Ausdruck zu den Höhepunkten Europäischer Kunst.
Bruegels Arbeiten umspannen ein weites Feld von Themen und Sujets. Neben den Landschaften sind konventionelle biblische Motive ebenso zu finden, wie Anspielungen auf antike und mittelalterliche Mythen. Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich seine Beschäftigung mit den niederländischen und flämischen Sprichwörtern, die er gleich in mehreren Werken zumThema gemacht hat. Sogar an satirischen Darstellungen und Porträts hat er sich versucht.
Das Standardwerk von Roger Marijnissen, der auch zu Hieronymus Bosch grundlegende Studien veröffentlicht hat, hat bislang leider nur in sehr hochpreisigen Ausgaben des Verlages Mercatorfonds in Antwerpen vorgelegen. Neben der niederländischen Originalausgabe gab es auch eine französische und eine deutsche Ausgabe. Die sehr gute und ausgesprochen sorgfältige Übersetzung ins deutsche besorgte Rolf Erdorf. Der Verlag Zweitausendeins (in Zusammenarbeit mit Glb Parkland) hat nun genau diese Ausgabe nachgedruckt und bringt sie zu einem zweitausendeins-typischen Preis von nur noch 49,90 EUR an den Kunstfreund. Unbedingt zuschlagen, bevor es zu spät ist.