Juli 2006
Die Handlung eines richtigen Bollywood Films ist fast immer melodramatisch und auf äußerste Popularität getrimmt. Die wichtigsten Zutaten, um das zu erreichen, sind schnell aufgezählt: rasante Action, schnulzige Romantik, schrillbunte Kostüme, viel Tanz und jede Menge Massenszenen mit hunderten von Statisten. So ein Film darf keinesfalls kürzer laufen als zweieinhalb Stunden, damit er beim indischen Publikum ankommt, besser ist es aber, wenn er mindestens vier Stunden dauert.
Nasreen Munni Kabir & Jonathan Torgovnik:
Bollywood Dreams
120 Seiten mit ca. 100 Farbfotos
London, Berlin: Phaidon Verlag 2003
Bollywood, das ist die größte Filmindustrie weltweit. Mehr als 800 Filme jährlich werden produziert für ein potentielles Publikum von über einer Milliarden Menschen. Rund 14 Millionen Inder stürmen täglich die Kinos oder versammeln sich vor einer der vielen Wanderleinwände in den ländlichen Regionen. Diese Open-Air-Veranstaltungen auf dem Dorfplatz oder die hoffnungslos überfüllten Kinosäle in Bombay oder Kalkutta gehören ebenso zum Phänomen Bollywood, wie die Stars der schrillbunten Filme selbst.
Für die meisten Inder ist dabei das Kino die einzige Möglichkeit, mit Kultur und kulturellem Leben in Berührungen zu kommen. Kino ist deshalb mehr als pure Unterhaltung, Kino ist eine Art Religionsersatz, ein Medium zum Transport von Moralvorstellungen und selbstverständlich genauso ein Vehikel für Träume und Sehnsüchte, die sich im Alltag niemals erfüllen lassen.
Auch in Deutschland erfreut sich in jüngster Vergangenheit die ungewohnte Exotik der Bollywood Filme steigernder Beliebtheit. In einigen Programmkinos sind die lauten und actiongeladenen Streifen fester und unverzichtbarer Bestandteil des Programms. Für alle Fans von Bollywood ist der Fotoband von Jonathan Torgovnik und Nasreen Munni Kabir ein absolutes Muss.
"Bollywood Dreams" stellt nicht nur einige der großen Stars des indischen Kinos vor und blickt bei den Dreharbeiten hinter die Kulissen, sondern konzentriert sich auch auf die wesentlich intimere Perspektive der Filmzuschauer. Der Fotograf Jonathan Torgovnik, geboren 1969 in Tel Aviv, nähert sich auf einer Reise dem Phänomen des indischen Kinos. Er beginnt mit den ländlichen Wanderkinos auf den Dorfplätzen und setzt seine Reise dann entlang der unterschiedlichen Aspekte und Formen Bollywoods fort. Wir sehen die Arbeit der Schauspieler, Tänzer und Statisten am Set, beobachten Kameraleute und Techniker, schauen in Schnitträume und Produktionsbüros und begeben uns natürlich auch zu den Kinos in den großen Städten, wo Zuschauer in langen Schlangen auf den kurzen Ausflug in Traumwelten warten. Hinzu kommen Stadtansichten, die bestimmt werden von den riesigen, grellen Plakaten, die für die Filme werben.
Der Photoessay von Torgovnik gibt einen lebendigen Einblick in die faszinierende und bunte Welt des indischen Films und das Lebensgefühl, das mit Bollywood untrennbar verbunden ist. Zusätzlich zu den ausführlichen Bildlegenden, die Torgovnik selbst verfaßt hat, liefert ein einführender Text von Nasreen Munni Kabir zusätzliche Informationen. Kabir weiß übrigens genau, wovon sie spricht; schließlich hat sie sich als Dokumentarfilmerin und Autorin schon mehrfach mit dem schillernden Phänomen Bollywood beschäftigt.