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Das Opus Magnum von Arno Schmidt - "Zettel's Traum" in einer wohlfeilen Ausgabe

August 2005

Für seine Fangemeinde war Arno Schmidt schon zu Lebzeiten ein Mythos, der große Schweiger, der Einsame, der Solipzist in der Lüneburger Heide. In Bargfeld, wo er nach Kriegswirren, Flucht und Nachkriegschaos, endlich seßhaft wurde, unterwarf er seinen gesamten Lebensalltag seiner Kunst. Es gefiel ihm, sich dabei stets in der Pose des literarischen Berserkers zu präsentieren. Seine Bücher liefen mit Wortwitz und Einfallsreichtum Sturm gegen die Verhältnisse. Auch ich, das gebe ich unumwunden zu, zähle mich zu jener treuen Fangemeinde des Schriftstellers, die von "Außenstehenden" gerne auch als verschworene Jüngerschaft bezeichnet wird.

Zettels Traum Arno Schmidt - Zettel's Traum

Faksimile des Originaltyposkripts mit Randglossen und Handskizzen des Autors
1334 Bl. - 32 cm
Fischer TB


Diese Ausgabe ist leider vergriffen. Erhältlich ist nur noch die deutlich teurere gebundene Ausgabe

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"Zettel's Traum" ist sein Opus Magnum, seine Antwort auf das große Vorbild James Joyce. Ein Ehepaar, das gerade Edgar Allen Poe übersetzt, besucht mit seiner 16-jährigen Tochter einen alten Freund. Das ist der erschreckend belesene, über alle Maßen besserwisserische und eigenbrötlerische Daniel Pagenstecher (what a telling name); ein Alter Ego Schmidts, ganz klar. Einen Tag lang, von Sonnenauf- bis untergang, spazieren sie durch die Heide, gehen baden, verrichten verschiedene Arbeiten im Haushalt und unterhalten sich dabei über Gott und die Welt und natürlich über POE. Daß dabei die lolitahafte Tochter den alternden Dichter sexuell mehr als verwirrt, ist nur einer von unzähligen Nebensträngen, die sich durch den gesamten Tagesablauf ziehen. Soweit der Inhalt, kurz und knapp wiedergegeben. Doch jeder Versuch, "Zettel's Traum" zusammenzufassen ist von vornherein falsch, unvollständig und mißverständlich. Denn mit diesem Buch hat Schmidt alle bis dahin gültigen Grenzen in der deutschen Literatur gesprengt, inhaltliche und formale.

Augenfällig wird das allein schon durch die Form. "Zettel's Traum" wurde von keinem Setzer in formschönen Blocksatz gegossen und mit augenfreundlicher Typographie veredelt. Schmidt liefert dem Leser das Faksimile von 1334 DIN A3 Schreibmaschinenseiten, zusätzlich versehen mit handschriftlichen Korrekturen, Anmerkungen, Zeichnungen und eingeklebten Fotos oder Zeitungsausschnitten.

In drei Spalten entfaltet sich der Text. In der Mitte die Haupthandlung, der Alltag mit all seinen Verrichtungen, daneben zum einen die Interpretationen zu POEs Werk und zum anderen weitere Abschweifungen, Zitate und Ergänzungen. Dabei sind rechter und linker Rand keinesfalls voneinander entfernte Pole. Jede Seite, so sagt es Schmidt, muß man sich in der Vorstellung zu einem Zylinder drehen, so daß die rechte und die linke Spalte ineinander übergehen.

Dann sind da die Etyms. Das sind die Kerne der Schmidtschen Sprachvorstellung. Schmidt selbst erklärt sie so:

<Was Worte sind, wißt ihr - ?>;/(sie nickten schnell:!)/(Glückliches Völkchen; mir wars nicht ganz klar,)).:<Also das bw spricht Hoch=Worte. Nun wißt ihr aber, aus FREUDs Traumdeutung, wie das ubw ein eigenes Schalks=Esperanto lallt; indem es einerseits Bildersymbolik, andrerseits Wort=Verwandheiten ausnützt, um mehrere Bedeutungen gleichzeitigwiederzugeben. Ich möchte nun diese neuen, wortähnlichen Gebilde ETYMS heißen: der obere Teil des Unbewußten: spricht ETYMS.>

Und noch einmal O-Ton Schmidt:

<Zettel's Traum> mußte - allein schon ob der Etym-Basis - ein zu zwei Dritteln humoristisches Buch werden, das aber auch alles mögliche Andere natürlich zeigt: das Flickwerk unserer Eingeweide, und den Schmelz der Interpunktion.

Satzzeichen sind für Schmidt Ausdrucksmittel, die seinen Regeln folgen, nicht denen der Rechtschreibung; gleiches gilt für die Worte. Das bremst das Lektürevergnügen von Zettels Traum anfangs beträchtlich aus. Doch einmal festgelesen, wird das Buch zum Vergnügen. "Zettel's Traum" ist Fluchtpunkt und Summe des Autors, ist monumental und umfangreich, Epos und Essay, Übersetzungstheorie und Dichterpschychogramm, Erläuterung zu Poe und Neudichtung, Erzählung und eigene Erzähltheorie in einem. In zehnjähriger Arbeit hat Schmidt dieses Buch mit Hilfe überquellender Zettelkästen komponiert, darauf spielt der Titel ebenso an, wie auf den unseeligen Weber Zettel aus Shakespeares Sommernachtstraum, der durch Zauberei verwandelt, merkwürdige Traumerlebnisse hat. Bei seinem Erscheinen 1970 war das Buch eine Sensation.

"Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!" - Arno Schmidt

Leider ist der Schmidtsche Zetteltraum in der wohlfeilen Ausgabe (58 Euro) schon wieder vergriffen, was kaum anders zu erwarten war. Wer diese Taschenbuchedition anläßlich des 50. Geburtstages des Fischer-Verlages mit ihren beträchtlich verkleinerten Seiten verpasst hat, dem bleibt immer noch die große gebundene Ausgabe. Allerdings liegt die etwas höher im Preis.

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