Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2005

Grundriß eines gebrochenen Lebens – Hans Wollschlägers Karl May Biographie liegt wieder vor

März 2005

Seit Generationen gehört Karl May weltweit zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Schriftstellern. Die Gesamtauflage seiner im Wilden Westen Nordamerikas und im Orient des 19. Jahrhunderts spielenden Abenteuererzählungen hat längst die 100 Millionen Grenze überschritten.

Wollschläger Hans Wollschläger,
Karl May - Grundriß eines gebrochenen Lebens

296 Seiten
Wallstein Verlag

Jetzt bestellen!


"Eine der ganz raren Grundschriften über das Fänomen May." So lobte Arno Schmidt die biografische Studie zu Karl May, die Hans Wollschläger 1965 als Band 104 der rororo-Bildmonographien veröffentlichte. Wollschläger, der sich damals zu Schmidts Schülerkreis zählen durfte und nicht ganz unbeeinflußt blieb vom Bargfelder Eremiten, schlug mit diesem Buch manchem eingefleischten Fan des sächsischen Volksschriftstellers vor den Kopf. Doch bereits wenige Jahre später galt die Schrift als eines der wichtigen Standardwerke zu May. Jetzt liegt dieses seit langem vergriffene Werk in einer - zusätzlich großzügig bebilderten - Neuausgabe wieder vor.

Der Schriftsteller May, geboren 1842 geboren und 1912 gestorben, erlebte in den 60er Jahren des vorigen Jahrhiunderts eine eigenartige Renaissance. Nicht ganz schuldlos daran war Arno Schmidt mit seinerm von Freud und der Sexualpsychologie Studie "Sitara und der Weg dorthin". Dieses Werk darf mit Recht als eine der kuriosesten Biographien der Literaturgeschichte bezeichnet werden. Schmidt sucht, getrieben von pubertärer Verspieltheit und kindlichem Vergnügen, in allen Werken Mays unterdrückte Eros-Phantasien, homoerotische Anspielungen und "feucht-phallische Träume". Natürlich findet er sie massenhaft, eigentlich auf jeder Seite. Eins zu Eins überträgt Schmidt das, was er an versteckten Sexualphantasien in Mays Werken findet, auf den Schriftseller selbst. Man muss schon mit dem Humor eines Tertianers gesegnet sein, um diesen Schmidtschen Rundumschlag wirklich Ernst zu nehmen.

Werke auf CD-ROM Karl Mays Werke
(Bd. 77 der Digitalen Bibliothek)

Hrsg. v. Hermann Wiedenroth
CD-ROM (PC & Mac)

Jetzt bestellen!


Doch "Sitara" war der Anstoß für viele sogenannte linke Literaten und Literaturtheoretiker, sich wieder mit May zu beschäftigen; und sei es nur aus einer Protesthaltung heraus, weil die eher konservativ geprägten May-Verfechter heftigst gegen Schmidt wetterten. Auch Wollschläger stand damals zweifelsohne unter dem Einfluß der Schmidtschen Studie, zu der er heute freilich auf kritische Distanz geht, wenn er sagt, daß das Buch eher das Leben Schmidts als das von Karl May beschreibt. Wollschläger wollte Karl May in erster Linie vom verniedlichenden Image eines Jugendautors befreien. Er war der erste, der ausgehend von ausgehend von Mays ärmlicher Kindheit unter 13 Geschwistern und seiner tristen Jugend im sächsischen Erzgebirge, das Werk des Schriftstellers untersuchte. Seine verzweifelte Suche nach Arbeit, seine fruchtlose Tätigkeit als Hauslehrer und Pädagoge, seine gescheiterten Beziehungen, seine zwei Haftstrafen; all das wird von Wollschläger sorgfältig gewichtet und bewertet. Mit Kolportageromanen für diverse Periodika verdient May sein erstes Geld als Schriftsteller. Literarische Fließbandproduktionen waren das, in denen er mit zunehmender Zeit erstmals seine ausufernde Phantasie und seine literrarischen Begabungen schlagkräftig unter Beweis stellte. Je erfolgreicher er wurde, desto geschickter verwebte May die Welt seiner Bücher mit seiner eigenen. Lügen, Entstellungen, Übertreibungen und Selbstinszenierung nehmen Überhand. Immer wieder schafft er es, sein wackliges und verschachteltes Lebensgebäude - dessen steingewordene Inkarnation als Villa Shatterhand noch heute in Radebeul bei Dresden zu besichtigen ist - abzustützen und vor dem Zusammensturz zu bewahren. Diese bombastische Fassade, von der sich viele Anhänger Mays blenden ließen und die seine Gegner gleichermaßen abschreckte, reißt Wollschläger ein. Stein für Stein trägt er sie ab, um die wahren Fundamente des May'schen Schaffens freizulegen. Für das Jahr der Erstausgabe von Wollschlägers "Abriss eines gebrochenen Lebens" gilt also die Variation eines von Adorno - freilich in anderem Zusammenhang - geprägten Satzes: Wollschläger schickt sich an, Karl May "gegen seine Liebhaber zu verteidigen". Blickt man von heute aus zurück, dann hat diese Verteidigung Karl May sehr gut getan.

Für eine erneute Lektüre dieser 40 Jahre alten biographischen Studie sprechen alleine schon der pointierte Stil und die eigenwillige Sprache Wollschlägers mit ihren verspielten Untertönen. Mit beinahe traumwandlerischer Sicherheit bewältigte der damals knapp dreißigjährige Wollschläger in seinem literarischen Erstling die ästhetische Aufbereitung der gewaltigen Materialberge, die er angehäuft und auf der Suche nach lohnenswerten Details akribisch durchwühlt hat. Für die Neuausgabe hat Wollschläger, der später unter anderem auch als Herausgeber der historisch-kritischen Karl May Ausgabe in Erscheinung trat (siehe unten), die Forschungsliteratur nochmals kritisch gesichtet und einem Nachwort kommentiert. In gewisser Weise faßt er hier seine beinahe vier Jahrzehnte umspannende Arbeit am "Fänomen May" zusammen.

Bleibt nur noch die Frage, wo die Texte Mays vollständig zu finden sind? Für den eher literaturwissenschaftlich orientierten Bildschirmleser bietet sich hier die Werkausgabe der Digitalen Bibliothek an. Auf der von Hermann Wiedenroth herausgegebenen CD-ROM findet sich nahezu das komplette literarische Werk Karl Mays. Grundlage der über 70.000 Bildschirmseiten ist dabei der vorläufige Editionsplan der 1987 im Verlag von Franz Greno, Nördlingen, begonnenen, zwischendurch bei Haffmans in Zürich fortgeführten und seit 1993 im Bücherhaus in Bargfeld erscheinenden historisch-kritische Ausgabe "Karl Mays Werke".

Diese Ausgabe greift dabei – je nach Überlieferungslage – auf Erstdrucke, autorisierte Nachdrucke und Ausgaben letzter Hand zurück und bietet, leider noch ohne kritischen Apparat, den bereits veröffentlichten beziehungsweise geplanten Textkorpus der Abteilungen Frühwerk, Fortsetzungsromane, Erzählungen für die Jugend, Reiseerzählungen und Spätwerk, die im gedruckten Äquivalent über 80 Bände einnehmen. Wie alle Ausgaben der Digitalen Bibliothek sind auch "Karl Mays Werke" elektronisch im Volltext erschlossen. Das heißt umfangreiche Suchwerkzeuge ermöglichen es dem Leser, bequem umfangreiche, eigene Fundstellensammlungen anzulegen und so das Werk Mays gezielt zu erforschen. Ergänzt wird die elektronische Ausgabe um einige autobiographische Schriften, das Leseralbum (eine Photosammmlung Karl Mays mit 494 zeitgenössischen Porträtaufnahmen) sowie durch Volker Grieses Kurzbiographie "Karl May – Chronik seines Lebens". Letztere allerdings ist verzichtbar, falls Wollschlägers "Grundriss eines gebrochenen Lebens" zur Hand ist.