Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2005

Ein Schmankerl für Cineasten - In "Schattenlichter" zettelt Theodore Roszak eine phantastische Weltverschwörung an

September 2005

Große Filmprojekte kommen manchmal über das Planungsstadium nicht hinaus. Berühmte Beispiele dafür sind Orson Welles "The Other Side Of The Wind" und Stanley Kubricks "Napoleon". Gerade diese gescheiterten Projekte umweht oft ein geheimnisvoller Nimbus künstlerischen Größenwahns. Auch "Der Märtyrer" von Maximilian von Kastell gehört zu diesen nie gedrehten Filmen. Von Kastell? Nie gehört!? ... Und schon ist der Leser mittendrin in Roszaks "Schattenlichtern".

Roszak Theodore Roszak,
Schattenlichter

896 Seiten
Heyne Taschenbuch

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"Meinen ersten Max-Castle-Streifen habe ich in einem schmuddeligen Keller in Los Angeles gesehen." So läßt Theodore Roszak seinen Helden beginnen. Was folgt ist ein Art Lebensbeichte. Denn von dem Augenblick an, in dem der junge Filmstudent Jonathan Gates die ersten Bilder eines Castle-Films gesehen hat, ist er Gefangener einer Obsession.

Natürlich ist Max Castle eine Erfindung. Theodore Roszak hat ihn nach dem Vorbild einer ganzen Garde berühmter Stummfilm-Regisseure modelliert. Siodmak, Lang, Wiene, Stroheim, Sternberg; leicht ließe sich diese Liste um weitere Namen verlängern. Viele von ihnen haben ihr Handwerk bei der UFA gelernt und gingen in den späten 20er und frühen 30er Jahren (mehr oder weniger) freiwillig nach Hollywood. Dort wurden sie mit offenen Armen empfangen. Auch Maximilian von Kastell, der fiktive Regisseur, geht diesen Weg. Fortan nennt er sich Max Castle und beginnt, ausgestattet mit einem riesigen Budget, die Arbeit an einem opulenten Bibelstreifen. Eben jener bereits erwähnte "Märtyrer". Elf Stunden Filmmaterial kamen zusammen. Doch Castle verweigerte jeglich Kürzung, die ihm die Studiobosse auferlegten und wird zum Geächteten. Wer sich dem rigiden Studiosystem Hollywoods verweigert, fliegt raus. Mit billigen B-Movies, einfaltslosen Vampir- und Horrorstreifen hält sich Castle irgendwie über Wasser. Doch immer wieder schafft er es, heimlich Material nach seinen Vorstellungen zu drehen und zur Seite zu schaffen. Die Hoffnung auf den ultimativen Film bleibt. Schließlich wird auf einer Europareise in den Wirren des Zweiten Weltkrieges sein Schiff torpediert und Max Castle gilt seitdem als tot. Auch seine Filme verschwinden. Sie landen auf dem Schutthaufen der Geschichte, tief vergraben in den Archiven. Der Regisseur Castle ist vergessen - bis ...

... bis 20 Jahre später der junge Filmstudent Jonathan einen dieser verschollen geglaubten Filme wiedersieht. Der Inhalt ist Schrott, doch die Art und Weise wie Castle seine Bilder gestaltet, das hat hypnotische Wirkung. Da ist dieses geheimnisvolle Flackern und selbst in gleißend überblendeten oder tiefschwarz eingefärbten Passagen passiert irgendwas. Etwas Mächtiges ist in diesen Bildern verborgen, etwas Dunkles und Unheimliches. Nur wo? Und was soll es bewirken? Jonathan verschreibt sich und seine Karriere als Filmwissenschaftlicher dem Werk Castles. Dabei stößt er auf die "Sturmwaisen", eine geheimnisvolle Organisation, der auch Castle ursprünglich angehörte und deren Musterschüler er war. Je tiefer Jonathan gräbt, desto unfassbarer werden seine Entdeckungen. Eine gewaltige Weltverschwörung tut sich auf, deren Anfänge in der Zeit wurzeln, als Christus noch auf Erden weilte.

"Schattenlichter" ist ein vielschichtiger Roman. Zunächst ist da Jonathan, der in den frühen Sechzigern gleichermaßen vom Kino und seiner kinobesessenen Freundin Clare verführt wird. Clare, unverkennbar diente hier die amerikanische Großkritikerin Pauline Kael als Vorbild, verbindet sexuelle Freizügigkeit mit dogmatischen Vorträgen. Von ihr lernt Jonathan alles, was man über die Filmkunst, deren ideologische Funktion und ihre Interpretation wissen muss. Jonathan wird vom reinen Toren zum Gralssucher, der dem Bösen verfällt, und je tiefer sich Jonathan in die Filme Castles vergräbt, desto größer wird die Distanz zu Clare.

Auch die Entwicklung des Kinos jagt in "Schattenlichter" am Leser vorbei. Von den ersten, frühgeschichtlichen Daumenkinos der Dualisten, die von der katholischen Kirche mit dem Bann der Häresie belegt wurden, über Maschinen der Templer, die den Trägheitseffekt des menschlichen Wahrnehmungsapparates erstmals ausnutzen bis hin zu den Undergroundfilmen der Siebziger spannt sich der Bogen. Nicht immer ist dabei klar, was Fiktion und was Realität ist. Doch gerade das macht den Reiz von Roszaks Roman aus. Er entwirft ein System, in dem das Kino und seine Wissenschaft in einen aberwitzigen Strudel von Geheimwissenschaften und Verschwörungen geraten. Es geht um Hell und Dunkel auf der Leinwand, Gut und Böse im ewigen Kampf um die Seelen und um schwindelerregende Abgründe zwischen Licht und Schatten.

Das ist intelligent gemacht und mit der nötigen Portion Ironie und schwarzem Humor erzählt. Schicht für Schicht bohrt sich Roszak in die Tiefen der Geschichte des Kinos und legt dabei die Mechanismen der Verführung und Täuschung frei. Doch was wie der Versuch einer Entzauberung des Filmtheaters beginnt, mündet am Ende der Story in ein ebenso groteskes wie pointenreiches Finale, das eben diesen Zauber des Kinos für unergründbar erklärt. Vor allem für Filmfreunde ist "Schattenlichter" deshalb ein absolutes Muss. Wie groß Roszaks Erfindergeist ist, zeigt sich in Szenen wie der, in der ein alternder und versoffener Orson Welles von seiner Arbeit mit Castle an der Verfilmung von Conrads "Herz der Finsternis" berichtet. (Noch eine dieser unvollendeten Großtaten der Filmkunst.) Unbegreiflich, warum dieser Roman erst jetzt in Deutsch erscheint. Geschrieben hat ihn Roszak, übrigens Professor für Geschichte an der California State University und Autor einiger fundierter Sachbücher, schon vor 14 Jahren (Originaltitel: "Flicker"). Wenn es der Erfolg von Dan Brown und Konsorten war, der dazu führte, sich nun auch an "Schattenlichter" zu erinnern, dann wäre der Hype um "Da Vinci Code" zumindest einmal segensreich gewesen. Denn "Schattenlichter" ist deutlich besser als manches der Brownschen Machwerke.