Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2005

"Tausendundeine Nacht" – In der Neuübersetzung von Claudia Ott wird eine schon totgesagte Märchensammlung wieder lebendig

Februar 2005

Wer an die Märchen aus Tausendundeiner Nacht denkt, hat sofort Sindbad, den Seefahrer, Aladin und seine Wunderlampe oder Ali Baba und die 40 Räuber vor Augen. Doch in dieser neuen, von der Orientalistin Claudia Ott übersetzten Ausgabe fehlen sie. Warum? Zu allem Überfluss stellt jeder Leser, der genau nachzählt, dann auch noch überrascht fest: Hoppla, es sind ja nur 282 Nächte, die Schahrasad mit Geschichten füllt. Wo sind denn die übrigen geblieben, die die Tausendundeins Nächte voll machen würden?

Ott Claudia Ott (Übers.),
Tausendundeine Nacht

688 Seiten
C. H. Beck Verlag

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Ganz einfach; sie sind nicht echt! Denn was wir landläufig als die "Märchen aus Tausendundeiner Nacht" kennen, ist eine Erfindung des französischen Orientalisten Antoine Galland. Er geriet im 18. Jahrhundert an eine orientalische Handschrift. Er übersetzte sie und brachte sie heraus. So kamen die Fabeln, Parabeln und Verse, die Schahrasad Nacht für Nacht dem König erzählt, um so dem Tode zu entgehen, nach Europa.

Dieser König nimmt sich jede Nacht eine neue Geliebte und tötet sie bei Morgengrauen. Nur der liebes- und lebenskluge Schahrasad gelingt es, dieses Todesurteil hinauszuzögern, indem sie erzählt und Nacht für Nacht den Erwartungsdruck und die Spannung erhöht. "Wie köstlich und schön sind deine Geschichten", heißt es am Ende jeder Nacht und wie mit einer rituellen Formel erwidert Schahrasad jedesmal: "Was ist das schon gegen das, was ich euch morgen Nacht erzählen werde, wenn ich dann noch lebe und mich der König verschont." Der König spricht darauf zu sich: "Bei Gott, ich töte sie nicht eher, bis ich das Ende der Geschichte gehört habe." Nur leider bricht die Handschrift nach eben 282 Nächten ab ...

Galland, der vom überwältigenden Erfolg seiner Übersetzung (nach der französichen Ausgabe erschienen in schneller Folge englische, deutsche, italienische und spanische) völlig überrascht wurde, fügte einfach weitere arabische Erzählungen und Märchen in die Sammlung ein und brachte sie so tatsächlich auf 1001 Nächte. So traten auch Sindbad, Ali Baba und Aladin auf den Plan. Doch Galland fügte nicht nur hinzu, sondern glättete und modernisierte auch. Unter anderem dadurch, daß er alle im Werk verstreuten Gedichte und Verserzählungen gleichmacherisch in Prosa setzte. Das Original wurde verfremdet, um einem romantisch-exotischem Bild des Orients zu entsprechen, wie es im 18. Jahrhundert vorherrschte. Auch alle bis heute in deutscher Sprache vorliegenden Ausgaben der "Märchen aus Tausendundeiner Nacht", darunter unumstrittene und wunderbare Übersetzungen, wie die von Enno Littmann, folgen Galland. Alle Schichten, die er hinzufügte, wurden nun in Claudia Otts Neuübersetzung wieder abgetragen, denn sie stützt sich auf das Original, auf eben jene Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, die einst auch der Ausgangspunkt von Gallands Edition gewesen war.

Claudia Ott (Übers.),
Tausendundeine Nacht

24 Audio CDs in Kassette
Hörbuch Verlag

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Der Iraker Mushin Mahdi hat diese Originalhandschrift 1984 in einer kritischen Edition arabischsprachigen Lesern wieder zur Verfügung gestellt, denn denen waren die Märchen aus Tausendundeiner Nacht jahrhundertelang wegen ihrer Fülle von sexuellen und gewalttätigen Passagen tabu. Zwar gab es seit dem 19. Jahrhundert auch in der islamischen Welt schon vereinzelte Ausgaben der Erzählungen, doch waren diese oft beschnitten, verfälscht und gezähmt. Vieles, was den Reiz dieser zum Teil jahrtausendealten Geschichten und Gedichte ausmacht, von denen viele ursprünglich aus Indien stammten und die über Persien den Weg zurück ins Arabische fanden, tritt jetzt erst – in der arabischen Ausgabe von Mahdi und der deutschen Übersetztung von Claudia Ott – wieder ans Licht.

Das Buch hat bis auf die Rahmenhandlung mit seiner Hauptfigur Schahrasad keinen eigentlichen Handlungsfaden. Die Geschichten aus den 1001 (bzw. 282) Nächten sind strenggenommen eine Sammlung vieler anonymer Erzähler mit gänzlich unterschiedlichen Stilen. Bisweilen wird die Lektüre deshalb chaotisch, doch das nimmt man gerne in Kauf, denn niemals zuvor wurden uns diese Erzählungen derart ungeschminkt und authentisch, von allem Ballast europäischer Romantik befreit präsentiert.

Claudia Otts Übersetzung ist präzise, eingängig und klar, und wo es nötig ist erläutert sie den Lesern auch die unterschiedlichen arabischen Versmaße und Reimschemata. Jugendfrei Lektüre ist das nicht. Literarische Passagen mischen sich mit derber Umgangssprache. Beispiel gefällig? In der 31. Nacht zieht sich ein Mädchen vor Lastenträgern aus, zeigt auf seine Scham und will wissen was das sei. Die Lastenträger rätseln: Vagina, Fotze, Möse, Klitoris, Fickparadies? Nein, sagt das Mädchen, das ist Basilikum, der auf Brücken sprießt. Schöngeistiges und Vulgäres gehen hier Hand in Hand. Mit dieser Ausgabe lassen sich die Märchen aus Tausendundeiner Nacht wirklich neu entdecken, auch wenn - oder gerade weil - Ali Baba und die 40 Räuber fehlen.

"Tausendundeine Nacht" in der Übertragung von Claudia Ott kann man nicht nur lesen, sondern auch hören, wenn man will. Der Hörbuchverlag Hamburg hat die Geschichten der Schahrasad (zum Glück) ungekürzt auf 24 CDs herausgebracht. 1600 Minuten lang ist dieses Hörvergnügen, in dem abwechselnd Marlen Dickhoff, Eva Mattes, Katja Riemann, Charlotte Schwab und Elisabeth Schwarz der Schahrasad ihre Stimme leihen. Mal betörend im Tonfall, mal rauh und vulgär, mal zart und sinnlich, der scheinbar endlose Reigen aus Versen und Erzählungen ist eine Wohltat für die Ohren. Die nötige Strukturierung der Rahmenhandlung in dieser sehr gelungenen Produktion übernimmt Heikko Deutschmann.