Oktober 2005
Erst einmal ein Blick in Meyers Lexikon. Unter dem Stichwort Bibliophilie findet sich folgender Eintrag: die Liebhaberei für schöne und kostbare Bücher. Biblophile, Bücherfreunde, bes. Sammler von schönen, seltenen oder geschichtlich wertvollen Büchern. Zwei Stichworte höher steht: Bibliomanie, die krankhafte Büchersammelwut. In seinem verwirrend schönen Roman "Büchermörder" beschreibt Detlef Opitz, wie gefährlich nah beides zusammenliegen kann.
Detlef Opitz,
Der Büchermörder
356 Seiten
Eichborn Berlin
Schon der Titel sorgt für Verwirrung. Ist ein Büchermörder jemand, der andere Menschen mit Büchern umbringt, indem er sie etwa mit dicken Wälzern erschlägt? Ein Büchermörder könnte auch jemand sein, der Bücher zerreißt, verbrennt oder auf andere Weise vernichtet. Oder mordet hier jemand für Bücher? Um es kurz zu machen; letzteres ist hier der Fall. Es geht um Johann Georg Tinius, geboren 1764, Pfarrer in Poserna bei Leipzig, manischer (s.o.) Büchersammler und verurteilter Mörder. Aus Geldnot und um seine Bibliothek vor den anrückenden Franzosen in Sicherheit zu bringen, soll er 1813 die Witwe Kuhnardt erschlagen haben, nachdem er zuvor schon den Händler Schmidt mit ähnlichem Motiv des Lebens beraubte. Verurteilt wurde er nur wegen des ersten Falles, nach zehnjährigen Untersuchungen und Prozessen übrigens.
Genau darum geht es in Detlef Opitz' Criminal, eigentlich geht es auch darum, wie Detlef Opitz überhaupt erst auf den bücherliebenden Magister gestoßen ist und dann in mühsamer Recherche den Fall Tinius rekonstruiert hat. Wenn man ganz genau sein will, rekonstruiert ein Erzähler, den Opitz erfunden hat, den Fall. Oder ist der Erzähler identisch mit dem Autor, der nebenbei selbst Büchersammler ist und einst eine komplette Bibliothek beim Pokerspiel verlor. Und ... ja, und schon ist man mittendrin im wundersam angezettelten Vexirspiel dieses Buches.
Alles beginnt mit Karl Lagerfeld, er ist schuld an diesem Buch. Und das kam so. Der Erzähler, seines Zeichens Schriftsteller und Verfasser eines von der Kritik umjubelten Romans über Luther, wird von seinem Verleger um einen kleinen, eleganten Text zu Fotos von "Kalle L." gebeten, die der wiederum im Weimarer Goethehaus belichtet hat. Der Erzähler (Opitz?) kniet sich rein, sucht einen Aufhänger, findet ihn schließlich nach mehreren Monaten der Suche in einem Brief des deutschen Großdichters, abgedruckt in der Sophienausgabe. Darin geht es um die Zwangsversteigerung der Bibliothek des Pfarrers Tinius.
Zwang, Pfarrer, Bibliomane ... Mörder: was will ein Autor mehr!? Auch wenn das Vorwort zu Kalle Ls. Fotos längst obsolet ist, der Fall des Leipziger Büchermörders läßt unseren Erzähler nicht mehr los. Es wird gestöbert und gesammelt, gesucht und gefunden, ganze Berge von Schriften und Büchern durchwühlt. In jahrelanger Detektivarbeit, die ihn von Berlin über sächsische und thüringische Kirchenarchive und verstaubten Bücherspeichern bis nach Amerika führt, rekonstruiert Opitz (der Erzähler) den Fall. Es gelingt ihm sogar, die seit 150 Jahren in deutschen Bibliotheksmagazinen verschollene Prozessakte aufzufinden, anhand der sich aber leider weder die Schuld, noch die Unschuld Tinius' zweifelsfrei nachweisen läßt. Recht und Gerechtigkeit liegen halt genauso eng beieinander wie Bibliophilie und Bibliomanie.
Das Material aus dieser alten Akte fließt munter zusammen mit dem Bericht der Suche nach ihr und den Rechercheergebnissen zum Phänomen Bibliomanie. Ganz nebenbei hält der Leser ein Werk in Händen, das die Tinius-Forschung (ja, die gibt es wirklich) leidenschaftlich auf den neuesten Stand zu bringen versucht. So ungewöhnlich der Inhalt, so ungewöhnlich auch die Form. Opitz schreibt, als sei der Geist Jean Pauls in ihn gefahren und als habe es "Rächtschreibreformen", vergangene ebenso wie aktuelle, niemals gegeben. Altertümliche Kanzleisprache und deftiges Umgangsdeutsch wechseln sich ab, heutiger Slang und auf exakte Formulierungen bedachte Wissenschaftssprache mischen sich, dazu schlagen Ortographie und Interpunktion Purzelbäume und was nicht in den Fließtext passt, kommt einfach in Glosen und Fußnoten. Mal albern, mal tiefgründig, mal historisch, mal hysterisch; hier wird nicht nur Johann Georg Tinius ein Denkmal gesetzt, sondern auch der deutschen Sprache.
P.S.: Wer sich eingehender mit dem Phänomen der Bibliographie beschäftigen möchte, dem sei die gut informierte Website "www.bibliomanie.de" empfohlen.