Januar 2005
Am 5. Januar 2004 startete der Hessische Rundfunk ein literarisches Großprojekt. Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" sollte komplett im Radio vorgelesen werden. Nur zu einem Teil ist dieses Unternehmen bislang abgeschlossen. Buch eins und zwei des Mammutromanes wurden gesendet, die weiteren von Musil noch fertiggestellten Bücher und Kapitel sollen im Jahr 2005 folgen. Jetzt liegt der erste Teil des "audio-literarischen Großunterfangens" (FAZ) auf CD vor. 37 Stunden Gesamtspielzeit: das wären normalerweise ca. 32 normale Audio-CDs, die nicht gerade leicht zu handhaben und vor allem nicht ganz billig wären. Die Lösung des Problems heißt Kompression, wohlgemerkt Kompression der Daten als auch des Preises. Das Zauberwort lautet dabei: MP3. Herausgekommen sind 4 MP3-CDs zum Preis von eineinhalb normalen Audio-CDs. Vertrieben werden die Silberscheiben, wen wundert's, müßte man eigentlich hinzufügen, von "Zweitausendeins".
Wolfram Berger liest: "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil
Hörbuch: 2 MP3-CD
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In "Die Literarische Welt" erwähnte Robert Musil 1926 erstmals seinen Roman, der damals noch "Die Zwillingsschwester" heißen sollte. Nach 23 Jahren intensiver und aufreibender Arbeit waren die ersten beiden Bände mit zusammen 1.679 Seiten fertig. Doch bis dahin hatte Musil sich längst in seinem eigenen Großwerk verzettelt. Der Tod traf ihn mitten in der x-ten Überarbeitung eines der Kapitel des dritten Teiles. "Der Mann ohne Eigenschaften" blieb Fragment und gilt bis heute als eine der größten Herausforderungen für Leser.
Musil schwebte eine satirische Bestandsaufnahme von Politik, Wissenschaft und Philosophe des frühen 20. Jahrhunderts vor. Hauptfigur ist Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, der nach mehreren vergeblichen Versuchen, ein berühmter Mann zu werden, zum Sekretär der "vaterländischen Aktion" ernannt wird. Dieses Komitee will in Kakanien den Feierlichkeiten zum 30-jährigen Thronjubiläum des deutschen Kaisers Wilhelm II. im Nachbarland eine eigene Jubelfeier parallel zur Seite stellen, nämlich die zum 70-jährigen Herrschaftsjubiläum des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. In einem gewaltigen Kaleidoskop zersplittert Musil die Geschichte eines untergehenden Landes in tausende Einzelteile. Er setzt sich über die gängige Trennung von Erzählung, Essay und Philosophie hinweg und formt seinen Text zu einem gigantischen Kampf um die Wahrheit. Objektive Sachlichkeit, beißender Spott und hinreißender Erzählton wechseln sich unermüdlich ab. Das ist alles andere als leicht verdaulich; nicht umsonst zählt "Der Mann ohne Eigenschaften" zu den am häufigsten halb gelesenen Büchern deutscher Sprache. So gesehen darf das Unternehmen des Hessischen Rundfunks, eine ungekürzte Radiolesung zu präsentieren, durchaus als riskant bezeichnet werden. Doch das Risiko hat sich gelohnt.
Daß Musils großartiger Text in dieser Lesung wirklich lebendig wird, ist das große Verdienst von Wolfram Berger. Er verfügt nicht nur um das nötige österreichische Timbre in der Stimme, sondern er schafft es auch, den in der Erzählung fest verankerten "denkenden Menschen" darzustellen. Traumwandlerisch balanciert Berger über die Abgründe des Musilschen Textes und jongliert sicher mit fein verästelten Nuancierungen, mit denen er allen Figuren den jeweils eigenen Ton einhaucht. Das ist Hörvergnügen in Vollendung.
Siehe auch: Karl Corino, Robert Musil. Eine Biographie