Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2005

Wie Enten hausen - Henner Löffler erklärt uns die Ducks von A bis Z

November 2005

Es gibt Menschen, die stehen mit den Ducks auf du und du, sie haben alle ihre Abenteuer studiert, kennen alle ihre Abneigungen und Vorlieben, wissen um Verwandtschaftsgrade und Freundschaften, sind im Bilde über Abhängigkeiten und Zuneigungen, ja, sie könnten sogar blind einen Stadtplan von Entenhausen skizzieren. Ich muss zugeben, ich gehöre nicht zu ihnen und habe sie bislang auch nie richtig verstanden.

Löffler Henner Löffler,
Wo Enten hausen. Die Ducks von A bis Z

469 Seiten
C.H. Beck Verlag

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Entenhausen ist ein kleiner, in sich geschlossener Kosmos, den Carl Barks in der Zeit vom August 1942 bis zum Juli 1967 geschaffen hat. Aus 402 einzelnen Erzählungen erwächst eine Saga, die sich ebenso mit dem Kleinen wie dem Erhabenen beschäftigt, mit dem Philosophischen wie dem Profanen. Gier nach Geld und Ruhm spielt darin die gleiche Rolle wie Heißhunger auf Truthahn oder Hamburger. Entenhausen, die kleine Stadt im erfundenen Bundesstaat Calisota, ist eine Stadt, wie viele andere auch, in der eben nicht die großen Linien und Visionen zählen, sondern die Trivialitäten des Lebens, die Mühen des Alltags. Doch gerade das macht für Henner Löffler den literarischen Wert der "Duck-Tales" aus. Literarischer Wert? Ja, richtig gehört. Löfflers kühne These lautet nämlich, daß die Geschichten von Donald Duck und Co. insgesamt den großen literarischen Kosmen eines Charles Dickens oder James Joyces in nichts nachstehen.

Weltliteratur bildet ab und verdichtet, ist die künstlerische Verarbeitung der Realität, sie kann und darf sich Freiheiten nehmen, darf Fakten und Fiktionen mischen, große Literatur sucht im Einzelschicksal das Allgemeingültige, sie spiegelt im alltäglichen Unglück ihrer Helden die großen Themen der Philosophie. Löffler weist nach, daß Carl Barks mit seinen Comics genau das gemacht hat. Das ist äußerst kenntnisreich und mitunter augenzwinkernd geschrieben, aber es ist keine Parodie. Löffler meint es ernst und er schafft es tatsächlich, seine Leser zu überzeugen.

"Wo Enten hausen" gliedert sich in 64 Einzelartikel, die, alphabetisch geordnet, von "Aggressivität" bis "Zeitungen" reichen und jeweils ca. sechs Seiten lang sind. Man sollte sie in beliebiger Reihenfolge lesen, aber komplett, denn jeder Artikel zoomt gewissermaßen ein Detail heran, das dann in der Gesamtschau seinen Platz erhält. Ganz nebenbei führt Löffler seine Leser in die Literaturwissenschaft ein. Weil er von der These ausgeht, daß die Saga der Ducks Weltliteratur ist, benutzt er konsequenterweise auch die Werkzeuge, die zur Untersuchung von Weltliteratur herangezogen werden. Die gesamte Methodik des wissenschaftlichen Herangehens an Texte wird hier vorgeführt. Der aufmerksame Leser erhält eine Anleitung zum richtigen Lesen der Comics, eine Anleitung zum Lesen überhaupt.

Vieles wäre noch zu berichten von dem Vergnügen, den das Lesen der Studien Löfflers bereitet, zum Beispiel von seiner Vorliebe für Statistiken, Zahlen und Daten, mit denen er mühelos jongliert und dabei erstaunliches zu Tage fördert oder von politischen und wirtschaftlichen Rückkopplungen zwischen Entenhausen und unserer Welt. Auch und gerade Menschen, die wie ich selbst der reinen Lehre der Duckologie skeptisch gegenüber stehen, kann ich nur wärmstens empfehlen, mit Löfflers Buch selbst auf Entdeckungsreise zu gehen, selbst herauszufinden, wie ähnlich sich homo sapiens und anas duckiensis sind. Nur zur gerne greift man dann anschließend wieder zu den vergilbten Comicstrips aus Kinder- und Jugendtagen.