Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2005

1.000 Folgen "Lindenstraße" - Die Urgroßmutter aller deutscher Serien feiert sich in Text und Bild

Januar 2005

Ich sehe die Lindenstraße. Ich bin seit Anfang an dabei. Ich bin Fan von Mutter Beimer und Co.! - So, jetzt ist es raus. Früher, als Student z.B., habe ich mich noch nicht so offen zu dieser heimlichen Leidenschaft bekannt. Doch heute fällt mir das leicht, denn inzwischen höre ich immer häufiger in meinem Bekannten- und Freundeskreis den vertrauten Satz: was, du bist auch Lindenstraßen-Fan, wußte ich ja gar nicht?! Und auch wenn es immer noch Menschen gibt, die es nicht wahrhaben wollen, die Lindenstraße ist Kult, punktum.

Lindenstrasse Hans W. Geißendörfer & Wolfram Lotze,
Lindenstraße. 1.000 Folgen in Text und Bild

1.088 Seiten mit ca. 6500 farb. Abbildungen
Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf

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Als Hans W. Geißendörfer vor 20 Jahren die Idee zu dieser Fernsehserie hatte, erntete er zunächst viel Spott. Kopfschüttelnd wurde ihm bescheinigt, Herr Geißendörfer, so geht das nicht. Doch der Filmemacher blieb stur und kreierte eine Serie, in der das ganz normale Leben, ganz undramatisch dargestellt werden sollte. Die Zuschauer gaben ihm recht. Die Lindenstraße flimmert nun bereits seit 20 Jahren jeden Sonntag über die Mattscheibe. Und selbst bei Parlamentswahlen oder anderen Großereignissen wird allenfalls die Startzeit verschoben, an der sonntäglichen Ausstrahlung aber an sich wird nicht gerüttelt. Unbestritten gehört die Lindenstraße mittlerweile zu den ältesten, beliebtesten und gleichzeitig erfolgreichsten Fernsehserien der Republik. Mehrere Millionen Zuschauer fiebern jede Woche mit, wenn wieder unerwartete Schicksalsschläge, frisches Liebesglück oder nerviger Alltagszoff in das Leben der Lindenstraßenbewohner hineinbricht.

Alles, was in den letzten 20 Jahren unser beschauliches Land bewegt hat, hat auch die Menschen der Lindenstraße bewegt. Politische Stimmungen, Strömungen des Zeitgeistes und aktuelle soziale Themen finden sich wieder; allerdings ganz unaufgeregt, ganz ohne Impetus und Sendungsbewußtsein. Ganz normal eben. Der Vorwurf, die Leute in der Lindenstraße seien alle so langweilig und so farblos, da könne man ja genauso gut das Leben unserer Nachbarn verfilmen, läuft deshalb zielsicher ins Leere. Die Lindenstraße wollte von Anfang an so sein, wollte so wirken, als seien es unsere Nachbarn, die wir da sehen. Inklusive der Fieslinge vom Schlage eines Olaf Kling, der Patchwork-Family Zenker, der schwulen Lebensgemeinschaft aus Arzt und Schauspieler oder der vorbildlich integrierten Ausländerfamilie Sarikakis. Wenn es Penner Harry (phantastisch, Harry Rowohlt!!) nicht schon geben würde, er würde mit Sicherheit konsequent und schnellstmöglich nachgereicht. Und als 1989 die Mauer aufging, wurden zunächst mit dem typschen Durchschnitts-Ossi Heiko, man verzeihe mir, und dann mit der sächsischen Studenten-WG in Dresden auch alle Ost-West-Pproblemfelder abgearbeitet, ohne Neonaziübergriffe zu übergehen.

Nun steht am 30. Januar 2005 die 1.000. Folge ins Haus. Das ist ein Grund zum Feiern und gleichzeitig Anlaß für einen Rückblick. Der opulente Bildband "Lindenstraße - 1.000 Folgen in Text und Bild" macht es möglich. Es ist ein Medienbuch wie es bislang noch keins zu einer deutschen Serie gegeben hat. Mit fast 1.100 Seiten und über 6.500 Farbfotos ist es das definitive Fotoalbum für alle Fans der "Lindenstraße". Wie bei jedem alten Photalbum, das irgendwann, sei es aus Sentimentalität oder einfach nur aus Neugier, aus den Schrank geholt wird, rufen wir auch hier aus: Mensch, sahen die vor 20 Jahren jung aus! Und: Kinder, wie die Zeit vergeht!

Lindenstrasse

Mehr als 20 Hochzeiten wurden gefeiert, über 30 Tote betrauert, 19 mal zum Jahreswechsel auf der Straße Walzer getanzt. 20 Jahre bundesrepublikanischer Alltag ziehen am Betrachter vorbei. Ob weiße Friedenstaube auf Benny Beimers blauem Pullover, Else Kling als Hinterhofmaler, Onkel Franz mit stramm rechten Kumpel und Schäferhund als Bürgerwehr, das tragische und tödliche Dreiecksverhältnis von Iffi, Momo und seinem Vater oder der erste scheue Kuss zwischen Anna Ziegler und Hans Beimer, der die Musterfamilie um Helga "Meine Taube" Beimer sprengte – hier ist die gesamte "Lindenstraße"-Geschichte dokumentiert. Für jede Folge eine Seite. Die allermeisten Fotos wurden noch nie veröffentlicht und erstmals für dieses außergewöhnliche Buch zusammengetragen. Dafür wurden mehr als 15.000 Szenenfotos gesichtet, bearbeitet und den einzelnen Folgen zugeordnet.

Leider sind dabei die Texte, die die Story jeder Folge nacherzählen und erläutern, ein wenig zu knapp ausgefallen. Selbst die größten Fans der Serie haben nach 20 Jahren doch schon mal die ein oder andere Figur vergessen oder können sich an den ein oder anderen Vorgang nicht mehr so recht erinnern. Schön dagegen sind die Rollenbiographien im Anhang. Hier steht das wichtigste zur Person und in welcher Folge sie zum erstenmal (und unter Umständen auch, wann sie zum letztenmal) in der Lindentraße aufgetaucht ist.

Übrigens: Dieses pralle Fanbuch erscheint schon Mitte November 2004, also mehr als 2 Monate vor Ausstrahlung der 1000. Folge. Um dies zu ermöglichen, wurde extra der Drehplan umgestellt, um so auch brandaktuelle Fotos selbst der 1000. Folge in diesem Band präsentieren zu können. Die "Lindenstraße"-Macher sind eben ganz besondere Filmleute ...