Januar 2005
Als Jacob und Wilhelm Grimm im Jahre 1837 begannen, ein Wörterbuch der deutschen Sprache zu verfassen, ahnten sie nicht, wie viele Wissenschaftler nach ihnen noch damit beschäftigt sein würden. Vor allen Dingen ahnten die Grimm-Brüder noch nicht, welche Datenmengen sich bei diesem ursprünglich auf sieben bis zehn Bänden veranschlagten Unternehmen über die Jahre hinweg ansammeln würden. Erst 1961, also nach 125 Jahren wurde mit der 380. Lieferung die Arbeit am Wörterbuch vollendet. 67.744 Spalten Text, verteilt auf 32 Teilbände: das sind insgesamt 300 Millionen gedruckte Zeichen. Solche Datenmengen schreien förmlich nach elektronischer Verarbeitung. Dieser "elektronische Grimm" liegt jetzt, als Gemeinschaftsarbeit der DFG und der Germanistischen Fakultät der Universität Trier im Internet und auf CD-Rom vor. Zu verdanken haben wir das einem engagierten Team von Germanisten und Informatikern unter der Leitung von Kurt Gärtner im Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren. Nach der Reprint-Ausgabe im dtv, die immerhin auch noch mit fast 500 Euro zu Buche schlug, gibt es also endlich wieder eine preiswerte "Volksausgabe" dieses gewaltigen und ambitionierten Wörterbuchprojektes.
Jacob und Wilhelm Grimm
Deutsches Wörterbuch
2 CD-ROMs incl. Begleitheft m. 48 Seiten
Bei Zweitausendeins bestellen!
Einen nicht ganz unwesentlichen Anteil am Zustandekommen des digitalen Wörterbuches hat übrigens eine Gruppe von Chinesen aus Nanjing. Die mußte nämlich das gesamte Grimmsche Werk abtippen, und das gleich zweimal, damit eventuelle Tippfehler beim digitalen Datenabgleich ausgemerzt werden konnten. Chinesen waren für diese Aufgabe deshalb prädestiniert, weil sie aufgrund der Komplexität ihres Schriftsystems selbst kleinste Varianten und Änderungen der Schreibweise wahrnehmen. So wurde gewährleistet, daß aus "frouwe" nicht aus Versehen doch "frauwe" wird. Und weil die Schreibkräfte zwar die lateinischen Buchstaben gelernt haben, aber ansonsten über keine bis ganz geringe Deutschkenntnisse verfügten, wurde gewährleistet, daß auch sogenannte "Pseudoverbesserungen" nicht in den Text einfließen konnten. Dieser so gewonne Rohbestand an Daten wurde von den Forschern in Trier dann weiterverarbeitet.
Das "Deutsche Wörterbuch" bietet alles, was ein digitales Lexikon auszeichnet: Volltextsuche mit ausgfeilter Suchtechnik, Überblicke über Gliederung und Artikelaufbau, rückläufige Sortierung, Lesezeichen und Zwischenspeicherfunktionen. Durch die weitgehende Nachbildung des Satzbildes der Printausgabe ist die Zitierfähigkeit gewährleistet (der Bezug zur 33-bändigen dtv- und Originalausgabe ist einblendbar).
Weil Jacob und Wilhelm Grimm nicht nur ein statisches Wortarchiv, sondern durch lange Zitate und Nachweise ein lebendiges Abbild der deutschen Sprache von Luther bis Goethe geschaffen haben, in das auch geschichtliche Prozesse und regionale Abweichungen einflossen, ist dieses Wörterbuch auch heute noch ein wichtiges Hilfsmittel für jeden, der mit der deutschen Sprache umgeht. Ich persönlich bin der Meinung, daß das "Grimmsche Wörterbuch" auf CD-Rom - vor allem im lebendigen Zusammenspiel mit der gedruckten Ausgabe - ein unverzichtbares Werkzeug ist.