März 2005
"Ich reise niemals nach Paris, lebe tief in meiner Provinz und bin der unbekannteste aller Menschen." So beschrieb sich 1895, zehn Jahre vor seinem Tod, ein Schriftsteller, der in seinen Romanen unter anderem in 80 Tagen um die Welt reiste, 20.000 Meilen unter das Meer tauchte, zum Mittelpunkt der Erde vorstieß, Propellerinseln konstruierte, Expeditionen zum Nordpol führte und sogar zum Mond flog.
Volker Dehs,
Jules Verne
547 Seiten, mit 35 s/w Abbildungen
Artemis & Winkler
Jules Verne, dessen Werke seit Jahrzehnten in dutzende Sprachen übersetzt werden, gilt als Utopist, Technik-Freak und Schöpfer moderner Mythen, war aber in Wirklichkeit ganz anders, wie uns Volker Dehs in seiner Biographie beweist, für die er aus vielen unveröffentlichten und bisher wenig bekannten Quellen schöpfte. Jules Verne war, so lernen wir, ein grundsolider und bescheidener Zeitgenosse, der den Großteil seines Lebens in der beschaulichen Provinz verbracht hat. 1828 in Nantes als Sohn eines Anwalts geboren, genoß Verne eine typische Jugend in der Bretagne, weit ab von Paris, dem hektischen Zentrum Frankreichs. Heute, so beschreibt Dehs, ist das Geburtshaus Vernes an einem Seitenarm der Loire vom Verkehr umtost und das Landhaus der Familie in Chantenay vergammelt inmitten eines Industriegebietes. Daß die Kindheit an den Ufern der Loire, auf der der kleinen Jules die großen Schiffe auf ihrem Weg zum fernen Ozean vorbeiziehen sah, Spuren im Werk des späteren Schriftstellers hinterlassen ist für Dehs offensichtlich. Da wäre z.B. die unübersehbare Faszination für lange und abenteuerliche Flußfahrten. Doch weitaus prägender als die Jugend in Nantes waren für Verne die Jahre 1848 bis 1871. Er ging nach Paris, um seine Juradiplom abzulegen und bekam anschließend durch seine Stellung als Sekretär an der Pariser Oper Kontakt zur Welt der Literatur. Das war genau zu der Zeit, als Baron Haussmann auf Befehl Napoleon III. in das verwinkelte alte Paris Schneisen für seine großen Boulevards schlagen ließ und mit flächendeckenden Bebauungsplänen das Antlitz jener Metropole schuf, als die wir Paris heute kennen.
Verne begegnete in Paris einer ins utopische gesteigerten Technik- und Fortschrittsgläubigkeit, der auch er sich nicht entziehen konnte und die seinem Werk gewissermaßen den Stempel aufdrückte. Gleichzeitig, so Dehs, schulte Verne seine Beobachtungsgabe, indem er sich auf ausgedehnte Schaufensterbummel durch die Stadt begab. Die Warenhäuser präsentierten in ihren Auslagen gerne Ausschnitte der großen weiten Welt, ebenso die damals sehr beliebten und populären Panoramen. Verne lernte, daß man sich nicht fortbewegen muß und doch die ganze Welt beschreiben kann. Mit seinem fiktiven Reisebericht "Fünf Wochen im Ballon" gelang ihm 1863 der Durchbruch als populärer Volksschriftsteller. Der Verleger Pierre-Jules Hetzel knebelte ihn mit einem Vertrag, der Verne verpflichtete jährlich drei Romane für die Reihe der "Außergewöhnlichen Abenteuer" abzuliefern. Um Vernes Manuskripte dem Massengeschmack anzupassen und um mögliche Probleme mit Zensoren oder Schwierigkeiten in internationalen Absatzmärkten zu umschiffen, mischte sich Hetztel nicht selten direkt in die literarische Produktion ein. Jegliche Erotik wurde so entfernt und bisweilen das Wilde und Ungezügelte, aber auch die Brutalität der Verneschen Erzählungen auf Normalmaß gestutzt.
Jules Verne,
Bekannte und unbekannte Welten
Werke auf CD-ROM für Mac und PC
Digitale Bibliothek
Volker Dehs sieht Verne nicht als Phantasten oder Utopisten. Sorgfältig weist er nach, daß alle technischen Sensationen in Vernes Büchern keine originären Erfindungen des Schriftstellers sind, sondern längst bekannt waren. Verne ist also kein Technik-Prophet. Eher ist das, was er beschreibt, rückwärtsgewandt denn in vielen Fällen sind die technischen Wunderwerke lediglich Werkzeuge in den Händen verzweifelter oder zorniger Einzelgänger, die sich der Gesellschaft entzogen haben und am Ende zum scheitern verurteilt sind. Anders als viele seiner Zeitgenossen traut Verne der Technik nicht das Lösungspotential für gesellschaftliche Probleme zu, glaubt nicht kritiklos an den vermeindlichen Segen der industriellen Revolution. Insofern ist Verne weniger ein Utopist und Phantast als ein verhaltener Moralist, der lieber nach rückwärts schaut. Als Verne von der "Académie Francais" für seinen Anteil an den "Abenteuerlichen Abenteuern" geehrt wird, hatte er sich längst schon wieder in die Beschaulichkeit der Provinz zurückgezogen. Reisen hat der bescheidene Mann, der sich nur im kleinen Kreis vertrauter Menschen, nicht aber in großen Gesellschaften wohl fühlte, niemals unternommen. Angebote von Journalisten, ihn bei rekordverdächtigen Fahrten auf den Spuren von Phileas Fogg rund um den Globus zu begleiten hat er stets höflich aber entschieden abgelehnt. Verne lebte sein Fernweh am Schreibtisch aus. Er wollte einfach nur, daß die Gesamtheit seines Werkes den Globus umschließt. Auch wenn die Wirklichkeit seiner Biographie also weit weniger spektakulär ist als die fantastischen literarischen Welten, die er schuf, langweilig ist sie auf keinen Fall. Denn ungeahnt und vielfältig sind die Berührungspunkte zwischen beiden. Volker Dehs hat sie in seinem spannenden und sehr flüssig geschriebenem Buch mit außergewöhnlicher Kennerschaft aufgespürt.
Leider liegt derzeit keine wirklich aktuelle und vollständige Ausgabe der Werke von Jules Verne in deutscher Sprache vor - trotz des 100. Todestages. Für bibliophile Sammler kommt ohnehin nur die in den Jahren 1874 bis 1911 "Große Hartlebensche Ausgabe in 98 Bänden" in Betracht. Nur werden einzelne Exemplare dieser Edition in Antiquariaten leider um rund 100 Euro gehandelt, was den Preis für die gesammelten Werke Jules Vernes in astronomische Höhen treibt; vom Zeitauwand für die Suche ganz zu schweigen. Wie schön, daß die - von mir bekanntermaßen sehr geschätzte - "Digitale Bibliothek" in einer weiteren Großtat und in bewährter Form die Hartlebensche Ausgabe vollständig auf eine CD-ROM gebracht hat. Auf 39.000 Bildschirmseiten ist hier unter dem Titel "Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen" alles nachzulesen, was jemals von Verne auf deutsch erschienen ist, denn die CD-ROM ist dankenswerterweise um die wenigen in der Hartleben-Ausgabe fehlenden Romane und Erzählungen ergänzt worden. Außerdem enthält der für Mac- und Windows taugliche Datenträger zudem sämtliche Illustrationen der französischen Originalausgabe in hoher Auflösung. Zu den Romantexten gesellen sich ferner zeitgenössische Studien zu Leben und Werk, frühe deutschsprachige Rezensionen sowie ein ausführliches Personenlexikon und eine kenntnisreiche (Kurz)-Biographie von Volker Dehs. Wer sich ernsthaft in die Texte Vernes vertiefen möchte, kommt um diesen Silberling nicht herum.