Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2005

Einmal das Land umrunden - Wolfgang Büscher nimmt uns mit auf eine Deutschlandreise

Dezember 2005

"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen." Diesen volkstümlichen Kalauer hat Wolfgang Büscher ernstgenommen. Vor einigen Jahren wanderte er von Berlin nach Moskau und verarbeitete seine Erlebnisse in einem Bericht, der zum Bestseller wurde. Nun hat er sich wieder auf die Socken gemacht. Diesmal umrundete er sein Heimatland, immer dicht an den Grenzen zu unseren Nachbarn. "Deutschland, eine Reise" ist das Protokoll dieser Umrundung.

Büscher Wolfgang Büscher,
Deutschland, eine Reise
256 Seiten
Rowohlt Berlin

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Im glühendroten Abendlicht springt Büscher bei Flußkilometer 852 in den Rhein. Die untergehende Sonne verwandelt das Wasser in flüssiges Gold. Er schwimmt wie durch einen Opernzauber vom holländischen Ufer hinüber nach Deutschland. Die Reise beginnt und der Zauber des Beginns wird den Reisenden auf den 3.500 Kilometern, die vor ihm liegen, begleiten. Im Uhrzeigersinn einmal rund um Deutschland, meistens zu Fuß, manchmal per Anhalter, hin und wieder mit Bus und Bahn. Die Grenze des Landes dient als Wegmarke, als Leitlinie für einen wandernden Geist, der in fremde Wohnstuben und Seelen blickt.

Die Menschen, denen Büscher auf seiner Reise begegnet, stehen im Mittelpunkt. Es sind Menschen, die an den Rändern des Landes leben, oft in kleinen, unbekannten Orten wie Klanxbüll, Gartz, Görlitz, Seiffen, Finsterau, Kleinblittersof oder Prüm. Mal spricht Büscher sie an, mal lauscht er einfach nur ihren Gesprächen. Dem Wanderer ist es dabei völlig egal, ob sie reich oder arm sind, ob er sie und ihre Lebensentwürfe versteht oder nicht. So sammelt er auf seinem Weg einen breit gefächerten Schatz von Anekdoten und Geschichten, historisch verbürgtes ebenso wie sagen- und märchenhaftes. Diese zufälligen oder geplanten Reisebekanntschaften tragen und erzählen deutsche Geschichte, mal heiter, mal melancholisch, aber immer ehrlich. Und wie ein unsichtbarer Faden zieht sich durch alle diese Ereignisse immer wieder eine große Katastrophe. Der zweite Weltkrieg hat Deutschland nun einmal geprägt, ohne das Wissen um den Krieg ist Deutschland nicht zu begreifen. Der gewaltige Knall dieses Meteoriteneinschlag, wie Büscher ihn einmal nennt, hallt immer noch durch das Land, und die Narben, die seine umherfliegenden Splitter schlugen, sind noch lange nicht verheilt.

Da ist zum Beispiel die Frau aus Swinemünde. Als zehnjähriges Mädchen erlebte sie, wie ihre Heimatstadt von Bomben dem Erdboden gleichgemacht und tausende Menschen zerfetzt wurden. "Nie wieder Krieg!" sagt sie. Das ist die einzige und ehrlich gemeinte Formel, die ihre Erinnerungen und ihre Alltagswelt bestimmt, selbst sechzig Jahre danach. Bei der Begegnung mit dieser Frau glaubt Büscher, "daß ich in diesem Moment die neue deutsche Seele verstand".

Als Autor verkneift sich Büscher, der preisgekrönte Journalist, jede Eitelkeit. Er schreibt einfach nieder, was er als stiller Wanderer erlebt, beobachtet und hört. Er biedert sich nicht an und drängt sich nicht in den Vordergrund, weder auf seiner Reise noch in seinem Text. Büscher präsentiert seine Notizen aus den deutschen Grenzprovinzen mit wohltuender Zurückhaltung und gerade weil sie auf den ersten Blick so beläufig daherkommen, vermitteln sie so viel. Hier wird kein Deutschlandbild in großen Pinselstrichen gemalt, sondern ein Notizblock mit vielen kleinen Skizzen gefüllt, die sich am Ende doch zu einem Gesamtbild runden. Dabei bieten sie viel Freiraum für Assoziationen und Anmerkungen des Lesers, dem die eine oder andere Region auf Büschers Reise aus eigener Erfahrung bekannt ist und die er vieleicht ähnlich oder aber auch ganz anders in Erinnerung hat.

Am Ende jedenfalls steht die wundervolle und überraschende Erkenntnis: das alles ist Deutschland, das alles sind wir. Unsere Heimat ist ein Land voller Absurditäten und voller Geheimnisse, es ist uns gleichzeitig vertraut und unbekannt. Es mag pathetisch klingen, aber bei mir hat Büschers Reisebüchlein die Liebe zum Land neu geweckt. "Deutschland, eine Reise" schärft die eigene Wahrnehmung, es vermittelt aktuelle Heimatkunde auf höchstem Niveau und sollte zur Pflichtlektüre für alle deutschlandmüden Zeitgenossen erklärt werden. Denn das hätte einen deutlich größeren Effekt als eine dümmliche Werbekampagne mit dem Slogan "Du bist Deutschland".