Januar 2004
Anfangs haben ihn alle wahlweise für völlig übergeschnappt gehalten oder einfach für verrückt erklärt, doch Peter Jackson hat sein Versprechen eingelöst. In insgesamt über fünfjähriger Arbeit hat der neuseeländische Regisseur J.R.R. Tolkiens "Der Herr der Ringe" verfilmt. Spätestens nachdem der dritte Teil der Ringsaga im Dezember 2003 in den Kinos angelaufen war, mußten selbst die größten Skeptiker zugeben, daß die Verfilmung der Romanvorlage weitestgehend gerecht wurde.
J.R.R. Tolkien,
Der Herr der Ringe
4 Bände (TB)
Klett-Cotta Verlag
Sicherlich, über weite Strecken leben die Filme ausschließlich von spektakulären und zuvor niemals gesehenen Special Effects Orgien, aber neben all dem Bombast können auch die ruhigeren Momente der Verfilmung überzeugen. Natürlich mußte hier und da gekürzt und gestrafft werden. Doch äußerst geschickt hat Jackson dabei, um seine Leinwandadaption nicht noch ausufernder zu machen, als sie ohnehin schon ist, einzelne Handlungsstränge gebündelt. Oft läßt er bestimmte seiner Figuren Texte sprechen und Bedeutungen tragen, die in der Romanvorlage eigentlich andern Figuren vorbehalten sind. Da die aber für die Filmfassung gestrichen wurden, gehen durch die Verlagerungen inhaltlich relevante Details trotzdem nicht verloren.
Tom Shippey,
J.R.R. Tolkien - Autor des Jahrhunderts
393 Seiten
Klett-Cotta Verlag
Diesen Herrn der Ringe anzuschauen, lohnt sich durchaus und einer der angenehmsten Nebeneffekte der gelungenen Filmtrilogie ist, daß man nach dem Kinobesuch fast magisch zum Bücherregal gezogen wird, um die Romantrilogie noch einmal zu lesen. Für alle, die Tolkien noch nie gelesen haben und ihn jetzt zum erstenmal in die Hand nehmen möchten, hat der Verlag Klett Cotta eine günstige Taschenbuchausgabe (3 Bände plus 1 Anhangband im Schuber) auf den Markt gebracht. Es handelt sich hierbei um die neue Übersetzung von Wolfgang Krege aus dem Jahr 1999, die besonderen Wert auf einen möglichst glatten Erzählfluss und eine zeitgemäße Sprache legt. Krege schreibt dazu im Nachwort: "Die neue Fassung maßt sich an, die Geschichte so vorzutragen, wie Tolkien es tun würde, wenn er heute schriebe und wenn er sie aus dem Westron gleich ins Deutsche brächte, ohne den Umweg über das Englische." Ich persönlich schätze die Arbeit von Krege sehr, obwohl sein Ansatz von einer gehörigen Portion Mut zeugt und ihn viele gar für vermessen halten. Nicht wenige schwören deshalb weiter auf die dreißig Jahre ältere Übertragung von Margaret Carroux. Zum einen, weil sie von Tolkien selbst autorisiert wurde und zum anderen, weil sie mit ihrem schwerfälligeren und altertümlicheren Stil der Idee eines in einer untergegangenen Sprache geschriebenen Epos aus längst vergangenen Zeiten näher komme. Als Argument wird dann meist angeführt, daß ja auch das Nibelungenlied oder andere Texte aus dem Mittelhochdeutschen, wenn sie ins Neuhochdeutsche übertragen werden, diesen seltsamen Charme des Fremden behalten. Nur leider gilt beim Nibelungenlied, wie auch bei Tolkien, daß diese der alten Sprache treu und sklavisch folgenden Übersetzungen oft kalt und gedämpft klingen und ihre sprachliche Farbe merkwürdig stumpf und neutral bleibt.
Humphrey Carpenter,
J.R.R. Tolkien - Eine Biographie
323 Seiten
Klett-Cotta Verlag
Ebenfalls in der Übersetzung von Wolfgang Krege liegt bei Klett Cotta das Buch "J.R.R. Tolkien - Autor des Jahrhunderts" von Tom Shippey vor. Der Mediävist und Nachfolger auf Tolkiens eigenem Lehrstuhl in Oxford legt hier die Summe seiner Tolkien-Forschung vor. Er weist nach, daß Tolkien weniger einen Abenteuerroman schreiben wollte, sondern eine linguistische Phantasie, daß der Ursprung seiner Geschichte in Wörtern begründet liegt. Einer ausführlichen und trotz aller Akribie gut lesbaren Analyse der Handlung (der "Hobbit" wird natürlich ebenfalls ausführlich behandelt) und ihrer verschiedenen Sprachebenen folgen Kapitel über die "Auffassungen des Bösen" und die mythische Dimension von "Der Herr der Ringe". Kapitel über Das Silmarillion und die kürzeren Arbeiten Tolkiens beschließen den Band.
Shippey, der Tolkiens Werk in einem Atemzug mit dem von James Joyce nennt, findet zudem scharfe Worte für die Literaturkritik, die Tolkien, obwohl er von den Lesern geliebt und verehrt wird, immer noch links liegen läßt. Wie groß diese Liebe ist hat eine Umfrage der BBC und der britischen Buchhandelskette Waterstone ergeben: auf die Frage, welches das größte (englischsprachige) Buch des 20. Jahrhunderts sei, landete Tolkiens "Der Herr der Ringe" mit großem Vorsprung auf Platz 1.
Der Herr der Ringe
Hörspiel (engl.)
14 CDs
Hör Verlag / BBC
Viele Leute kennen zwar den Herr der Ringe, haben aber nie etwas von Tolkien gehört, was eine wahre Wissenslücke ist! Hier sei die Biographie on Humphrey Carpenter nachdrücklich empfohlen. In diesem Buch wird anschaulich das Leben des großen Schriftstellers und Wissenschaftlers dargestellt. Carpenter berichtet darin von seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner großen Liebe ( für die er auch eine der schönsten Geschichten des Silmarillions geschrieben hatte: Luthien & Beren), seiner Vorliebe für alte Sprachen und seiner unglaublichen Phantasie, die diese großen Meisterwerke schuf. Die Biographie stützt sich auf zahlreiche Dokumente aus Tolkiens Nachlaß (darunter seine in Elbenschrift geführten Tagebücher). Sie informiert auch über unveröffentlichte oder für den deutschen Leser schwer zugängliche Arbeiten Tolkiens, insbesondere seine philologischen Schriften, die so manchen indirekten Kommentar zu seinem erzählerischen Werk enthalten. Tolkien selbst hat immer wieder vehement bestritten, daß in seinen Romanen autobiographisches eingeflossen sei, die Ringwelt Mittelerdes habe nichts mit ihm und seinem Umfeld zu tun. Doch Carpenter zeigt, daß diese Trennung nicht so strikt ist, wie Tolkien sie behauptet. Denn seine Geschichten sind ein Leben lang mit ihrem Autor gewachsen und gealtert, sie sind ein Teil Tolkiens. Carpenters Schilderung der Arbeit am "Herrn der Ringe" ist in manchen Zügen so fesselnd und humorvoll, als läse man ein weiteres Kapitel der Ring-Geschichte selbst.
Zum Schluß noch ein Tip für alle, die ihren Augen Schonung verschaffen und statt dessen den Ohren Arbeit geben möchten. In gepflegtem Englisch, tadellos gesprochen von führenden britischen Schauspielern und mit unaufdringlicher, den Texten dienender Musik unterlegt kommt ein inzwischen legendäres Hörpiel der BBC daher. Auf 14 CDs, dankenswerterweise vom Hör-Verlag nochmals herausgegeben, wird hier die Ring-Welt auf allerfeinste Weise akkustisch zum Leben erweckt. Wer Ohren hat zum Hören, der höre. Übrigens, auf Deutsch gibt es eine ähnlich breit angelegte Hörspielproduktion vom WDR. Ich allerdings ziehe in diesem Fall die BBC-Produktion vor.
"Der Herr der Ringe"- zum anschauen, zum lesen und zum hören. Jetzt erst recht und immer wieder.