Februar 2004
Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es im Volksmund. Das ist manchmal hilfreich und gut. Manchmal aber reißen Wunden immer wieder auf, so sehr man sich auch wünscht, sie mögen endlich für immer vernarben. Auch die Verletzungen, die in den dunklen Jahren der Nazi-Zeit zahlreichen Familien zugefügt wurden, widersetzen sich häufig einer Heilung durch bloßes Abwarten. Zum Glück. Auch wenn man sich wiederholt erinnert, wenn man sich bewußt der Vergangenheit stellt und sich den dunklen Schatten in der eigenen Familie mutig entgegenstemmt, besteht keine Hoffnung auf vollständige Genesung, allenfalls die vage Chance auf Linderung. Wie mühsam und schmerzhaft dieser Prozess ist, hat der Schriftsteller Uwe Timm am eigenen Leib erfahren und das Protokoll dieses Prozesses in seinem Buch "Am Beispiel meines Bruders" zu Papier gebracht.
Uwe Timm,
Am Beispiel meines Bruders
158 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
Es geht um Karl Heinz Timm, geboren 1924 in Hamburg, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine. Karl Heinz Timm war kein einfacher Soldat der Wehrmacht, sondern Mitglied der SS-Totenkopfdivision, zu der er sich 1942 freiwillig gemeldet hatte. Der Neunzehnjährige lebte weiter in der Trauer der Eltern, ihren Erzählungen, den sprachlichen Wendungen, die sie für sein Schicksal bemühten. Durch das trauernde Nicht-Vegessen-Wollen der Mutter und das zornige Nicht-Vergessen-Können des Vaters wird der Bruder fast zur mythischen Figur, ist "abwesend und doch anwesend". Auch in den Träumen des sechzehn Jahre jüngeren Bruders, lebte Karl Heinz weiter, obwohl der kaum eigene Erinnerungen an ihn hat. Die Erinnerung wurde nach einem halben Jahrhundert zur Bürde, zu einer Last, die endlich abgelegt werden mußte. Doch, erst nach dem Tod von Mutter und Schwester fühlt Uwe Timm sich frei genug, über seinen Bruder zu schreiben. Warum hat das Leben meines Bruders diesen schrecklichen Verlauf genommen, warum hat er sich für die SS entschieden und warum wurde sein Andenken in der Familie anschließend immer noch so hoch gehalten? Diesen Fragen geht Uwe Timm nach und entwirft dabei ein vielschichtiges Psychogramm nicht nur seines Bruders, sondern seiner ganzen Familie. "Am Beispiel meines Bruders" ist eine Studie darüber, welche Haltungen den Nationalsozialismus und den Krieg möglich machten, was das mit uns zu tun hat und wie man darüber sprechen kann.
Startpunkt waren dabei die Briefe und das Kriegstagebuch des Bruders, die Uwe Timm in einer kleinen Schatulle über viele Jahrzehnte verwahrt hat. Immer wieder hat er versucht, sie zu lesen, doch immer wieder blieb er stecken. Es waren vor allem die kühle Distanz und der lakonisch knappe Ton, die Timm abschreckten. Zum Beispiel in dem Satz: "Brückenkopf über den Donez. 75 m raucht der Iwan Zigaretten. Ein Fressen für meine MG." Bei Sätzen wie diesem habe er sich förmlich zwingen müssen, weiterzulesen. Das habe ihn früher jedesmal davon abgehalten, weiterzulesen. Doch bei den Arbeiten für das Buch, habe er weiterlesen müssen. Die Notizen aber "verraten weder den Überzeugungstäter noch aufkeimenden Widerstand". Sie deuten nur an, wie ganz normale Männer allmählich zu Mordmaschinen werden, bloß weil für sie Ehre, Pflichterfüllung und soldatische Tugend Werte darstellen, die sie zu keiner Zeit in Frage stellen. Nach dem Krieg wurde dieser Umstand in der Erinnerung der Familie verdrängt und banalisiert. Man stürzte sich, dankbar für jede Ablenkung, mit fast krampfhaftem Schwung in den Wiederaufbau. Das Andenken an den Bruder wurde verklärt und geschönt.
Uwe Timm schreibt als ein Alt-68er, als ein überzeugter Linker darüber, wie das Grauen und der Horror der Nazi-Zeit verdrängt und nachträglich abgemildert wurde. Da finden sich naturgemäß vertraute Sichtweisen und vertraute Formulierungen. Und doch ist Timms Buch etwas ganz besonderes, nicht nur weil es mit Sicherheit sein bislang persönlichstes Werk ist. Er vermeidet es, mahnend den Zeigefinger zu erheben und verfällt genausowenig in Weinerlichkeit. Müstergültig balanciert der Text Distanz und Nähe aus. "Am Beispiel meines Bruder" ist eine ganz persönliche Abrechnung mit der Kriegsgeneration, bei der sowohl die Greueltaten der Täter beschrieben werden, als auch die daraus resultierenden Leiden in den eigenen Familien. Ebenso behutsam wie schonungslos legt Uwe Timm menschliche Abgründe offen und bringt deutsche Befindlichkeiten in schlichte Sätze, die nachklingen: "Die Erziehung zur Tapferkeit... führte zu einer zivilen Ängstlichkeit." Oder: "Erst wenn etwas zur Sprache kommt, kann sich auch Widerspruch bilden." Ein schönes, kluges und trauriges Buch, das einen nicht losläßt.