Januar 2004
37' 05" südliche Breite und 12' 17" westliche Länge, das sind die Koordinaten einer Insel ungefähr auf halbem Weg zwischen dem afrikanischen und dem südamerikanischen Kontinent, die Koordinaten von Tristan da Cunha. Sie ist die Hauptinsel einer Gruppe von schroffen Felsen vulkanischen Ursprungs mitten im südlichen Atlantik. Ihre Nachbarn heißen Inaccessible, Nightingale, Middle, Stoltenhoff und Gough. Allein schon die Namen signalisieren Einsamkeit und wilde Natur.
Raoul Schrott,
Tristan da Cunha
720 Seiten
Carl Hanser Verlag
Und nur mit einer gehörigen Restportion von Seefahrerromantik ausgestattet wird sich der Reisende diesen Inseln nähern, denn nach Tristan da Cunha kommt man ausschließlich mit dem Schiff. Ständig bewohnt ist übrigens nur die Hauptinsel, das Klima ist mild, aber sehr windig und extrem feucht.
Es ist also kaum verwunderlich, daß ein Roman, der ausgerechnet den Namen dieser sturmumtosten Insel als Titel trägt, Leser magisch anzieht. Ich jedenfalls konnte der Versuchung nicht widerstehen, sofort zuzugreifen. Nicht ganz unschuldig an meiner Faszination für Tristan da Cunha ist - wieder einmal, muß man sagen - Arno Schmidt. Dieser, mein erklärter Lieblingsautor, hat nämlich in einem seiner wunderbaren und gelehrigen Funkessys Tristan da Cunha als die Insel Felsenburg nachgewiesen, jenes Eiland aus der großen, ab 1731 erschienenen, dreibändigen Romanutopie gleichen Namens von Johann Gottfried Schnabel. Nun also hat sich Raul Schrott, der mit Recht als eine Art schillernder Paradiesvogel der deutschsprachigen Literatur bezeichnet werden darf, der Insel Tristan da Cunha angenommen. Er macht die 98 Quadratkilometer des Eilandes in vier unterschiedlichen Epochen zum Dreh- und Angelpunkt im Leben und Streben von drei Männern und einer Frau.
Diese vier Menschen blicken jeweils in ihrer ganz eigenen Perspektive auf Tristan da Cunha. Durch die Augen dieser vier Menschen erfährt der Leser, wer auf dem kleinen Eiland im Laufe der Jahrhunderte gelebt hat, was ihnen dort passierte und von welchen Sehnsüchten diese Menschen getrieben wurden. Da ist zunächst die Forscherin Noomi Morholt, die im Jahre 2002 Tristan passiert, um für zwölf Monate in der Arktis zu arbeiten. Irrtümlich landet mit ihr auch eine Kiste mit Büchern und Briefen, die für das Heimatmuseum auf Tristan da Cunha bestimmt waren, auf der Forschungsstation im ewigen Eis. Noomi beginnt in den alten Aufzeichnungen zu lesen: z.B. in den Briefen des ehrwürdigen Reverend Edwin H. Dodgson, einem anglikanischen Seelenhirten, der seinem berühmten Bruder Lewis Carroll nach England berichtet, was er auf der Insel erlebt. Ferner finden sich Notizen des Landvermessers Christian Reval, der im Zweiten Weltkrieg als Funker auf der Insel stationiert war und 1969 unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Am ausführlichsten berichtet der Briefmarkensammler Mark Thomson über die historischen und gesellschaftlichen Ereignisse auf Tristan da Cunha.
Nun ist allerdings Schrotts primäres Interesse nicht darauf gerichtet, einen historischen Roman mit verbrieften Tatsachen zu verfassen. Ihm ist viel mehr am Sehnsuchtspotential der Insel gelegen. So sind alle Berichte und Aufzeichnungen unter anderem durchzogen vom Tristan-Mythos, obwohl der mit der Namensgebung der Insel rein gar nichts zu tun. Tristan da Cunha heißt einfach nur wie sein Entdecker, der portugisische Admiral Tristão da Cunha, der 1506 das Eiland als erster sichtete, es aber selbst nie betreten hat. In allen Aufzeichnungen, die die Forscherin Noomi liest, finden sich Anspielungen auf den von Sehnsucht und Liebe getriebenen Tristan, und immer taucht eine Frauenfigur namens Marah auf. Sie ist gewissermaßen die Isolde, das Ewig-Weibliche, das die Männer durch die Jahrhunderte hindurch anzieht und dem sie schließlich zum Opfer fallen.
Die Zeitschrift "Literaturen" hat Raul Schrott in ihrer Ausgabe vom November 2003 die Titelgeschichte gewidmet und in einer ironischen Mischung aus Scheinheiligkeit und Naivität gefragt: "Genie oder Scharlatan?" Beides stimmt irgendwie, finde ich. Das liegt an der Art, wie Schrott sein nicht unbeträchtliches literarisches Talent kombiniert mit einem fast größenwahnsinnigen Hang zum Enzyklopädismus und einer charmanten, intellektuellen Arroganz. Mit fast diebischer Freude verwischt er in seinem Roman ununterbrochen die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit. "Tristan da Cunha" kommt ohne echte Dialoge aus, und das über eine Distanz von über 700 Seiten. Dafür erwarten den Leser wortgewaltige Beschreibungen von Sturm und Meer, wundervoll elegante essayistische Abschweifungen und poetische Schilderungen der Flora und Fauna. Gleichzeitig ist Schrott verliebt in unzählige Details, die er freudig aus nautischen Fachbüchern und historischen Berichten pickt - eine mehrbändige Enzyklopädie wird als Lesebegleiter zwingend empfohlen. Doch das kann und darf Schrott nicht angekreidet werden, denn dieser Roman, so gebildet und verschroben er auch sein mag, strahlt unbändige Kraft aus. "Tristan da Cunha" ist eine literarische Entdeckungsreise, die den Leser mitnimmt auf ihrem kraftvollen, aber ruhigen Erzählstrom quer durch ein halbes Jahrtausend.