Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

Die gequälte Natur schlägt zurück - Frank Schätzing hat mit "Der Schwarm" einen spannenden Öko-Thriller geschrieben

August 2004

"Ich war mir immer sicher, daß dieser Roman bei den Lesern ankommen würde, aber, daß er ein solch überwältigender Erfolg werden würde, daran habe ich selbst in meinen kühnsten Träumen nicht geglaubt." So äußerte sich Frank Schätzing glücklich, stolz und fast ein wenig unbescheiden anläßlich der Verleihung des Buchpreises Corine im November 2004. "Der Schwarm" ist ein Welterfolg, wie ihn die deutsche Unterhaltungsliteratur schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat.

Schätzing Frank Schätzing,
Der Schwarm

1000 Seiten
Kiepenheuer & Witsch

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In einem früheren Interview hat Frank Schätzing verraten, mit welcher Grundhaltung er dieses Buch angegangen ist. Deutsche Autoren, so sagte er damals, seien oft zu verhalten, wagten zu wenig. Wenn ein deutscher Autor "Jurassic Park" geschrieben hätte, wären seitenlang die Vorzüge und Risiken der Genforschung gegeneinander aufgewogen worden, aber Action hätte es kaum gegeben. Allenfalls wäre der zynische Anwalt von einem Dinosaurier zaghaft ins Bein gebissen worden. Ansonsten wäre nicht viel mehr passiert. Deusche Autoren, so Hobbykoch Schätzing damals weiter, hätten zu selten den Mut, ihren Büchern einfach mal ein paar Löffel Butter mehr zu gönnen. Schreiben sei wie Kochen; nur mit dem entscheidenden Löffel Butter mehr, würde ein Essen wirklich schmackhaft und rund.

Schätzing hat sich konsequent an dieses Rezept gehalten und ordentlich Butter dazugegeben. "Der Schwarm" wurde so zu einem wahren Festessen für alle Freunde der gehobenen Unterhaltungsliteratur; zu keiner Zeit wird der Geschmack fade auf den gut 1.000 Seiten dieses Buches. Kein Wunder also, daß schon kurz nach Erscheinen des Romanes, übrigens der dickste, den der Verlag Kiepenheuer und Witsch jemals herausgegeben hat, Hollywood an Schätzings Kölner Haustür klopfte. Denn die findigen Scouts der größten Unterhaltungsindustrie der Welt hatten schnell begriffen, in Schätzings Weltuntergangsszenario schlummert der Stoff für einen weiteren Blockbuster à la "The Day after Tommorow" oder "Armageddon".

Es beginnt zunächst ganz harmlos; vor der peruanischen Küste verschwinden spurlos Fischer. Vor der norwegischen Küste entdecken Ölbohrexperten auf dem Meeresboden rätselhafte Kolonien von Würmern. Dann geht es Schlag auf Schlag. Wale und Delphine greifen zuerst Touristenboote an und versenken später wahllos Frachter auf allen Weltmeeren. Giftige Quallen stürzen sich auf Schwimmer an Australiens Sonnenstränden. In Nobelrestaurants explodieren Hummer und verspritzen dabei eine tödlich Substanz. Abermillionen Krabben entsteigen vor Neuengland dem Meer und verseuchen die Städte an der Ostküste Amerikas. Und schließlich versinkt nach einem gewaltigen Seebeben halb Europa im Meer. Das ist nur ein kleiner Auszug aus dem Katalog der Strafen, mit denen das Getier der Meere auf die Menschheit losgeht.

Schätzing "Der Schwarm" (Hörspielfassung. Gekürzt, bearbeitet und inszeniert von F. Schätzing.)

10 CDs, ca. 725 min.
Der Hörverlag

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Wissenschaftler, Politiker und Militärs sind ratlos: wer oder was steckt hinter dieser Attacke, die, wie sie am Ende ohnmächtig erkennen müssen, nichts anderes zum Ziel hat, als die Menschen und mit ihnen alles übrige Leben außerhalb des Meeres auszulöschen. Auch nachdem der Ursprung der weltumspannenden Katastrophen identifiziert ist, zeichnet sich keine Lösung des Problemes ab. Denn die Wurzel allen Übels steckt in einer riesigen, amorphen Wolke aus Einzellern in den bislang noch wenig erforschten Tiefen der Ozeane. Dieser Glibber, die Yrr, wie er von den rat- und planlosen Forschern getauft wird, entpuppt sich als intelligentes Wesen, das sich für seinen Vernichtungskampf gegen die Menschen aller anderen Lebewesen der Meere als Instrument bedient. Schätzing erklärt seine Grundidee so: "In der Tiefe hat sich parallel zur Menschheit eine zweite intelligente Rasse gebildet, die jetzt, da der Lebensraum immer knapper wird, ihren Anspruch auf den Planeten geltend macht. Wir müssen plötzlich unser Spielzeug - die Welt - mit einem anderen teilen. Was für ein Schlag wäre das für unser Selbstbewußtsein." Am Ende der Geschichte müssen die Wissenschaftler kleinlaut einräumen, daß all die Geheimnisse des Lebens, die sie irgendwo im Weltall suchen, in Wahrheit jetzt schon tief unter uns liegen - im Wasser der Ozeane.

"Der Scharm" ist kein Betroffenheitsroman für Öko-Aktivisten, kein fingerdrohendes Pamphlet kämpferischer Naturschützer. Nein, Schätzing liefert hier Science-Fiction in Reinkultur. Während sich der Leser begierig Seite um Seite vorarbeitet, um dem Fortgang der spannenden und fesselnden Handlung zu folgen, wird ihm gleichzeitig faktenreich und präzise der aktuelle Stand der Tiefseeforschung präsentiert. Es ist tatsächlich so, daß wir augenblicklich über weit entfernte Vorgänge im Weltall besser Bescheid wissen, als über das, was in unseren Meeren vor sich geht. Dieses sorgfältig recherchierte Faktenwissen - selbst die Idee von der intelligenten Einzellerkolonie ist keineswegs so abwegig, wie mancher anfangs glauben mag - paart Schätzing mit einer unbändigen Freude am Geschichten erzählen und fabulieren. "Der Schwarm" ist Thriller, Wissenschaftsroman, Lovestory, Politkrimi und vieles mehr, je nach Lesart.

Seit Monaten hält sich "Der Schwarm" in den Top 10 der deutschen Bestsellerlisten. Allen, die dieses Buch immer noch nicht gelesen haben sollten, rufe ich zu: "Es wird höchste Zeit! Dieser Thriller ist Unterhaltungsliteratur auf allerhöchstem Niveau".

Inzwischen hat das Multitalent Schätzing auch eine Hörspielfassung seines Bestsellers vorgelegt. Der von ihm persönlich eingedampfte Text wird von der ersten Garde des Synchrongewerbes dargeboten, allen voran der unvergleichliche Manfred Zapatka als Erzähler. Mit von der Partie ist auch der knarzige Bass Joachim Kerzel, der bereits Jack Nicholson, Dustin Hoffman und Anthony Hopkins zu deutschen Stimmen verholfen hat. Kaffeeklatscher Ralph Morgenstern finden wir in einer überraschenden Nebenrolle und Schätzing selbst debütiert als CIA-Fiesling Jack Vanderbilt. Auch die Musik und die beeindruckenden Soundeffekte aus der Tiefsee hat Frank Schätzing, zusammen mit dem erfahrenen Filmkomponisten Loy Wesselburg, entworfen. Dem ohnehin edel gestalteten Schuber für die 10 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von über 12 Stunden fügte Schätzing noch einen ausführlichen "Werkstattbericht" bei. Wer den "Schwarm" schon gelesen hat, kann ihn hier noch einmal hören; oder umgekehrt.