Februar 2004
Am 23. Januar starb Helmut Newton im Alter von 83 Jahren an den Folgen eines Autounfalls in Los Angeles. Große Bestürzung weltweit; einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts ist von uns gegangen. Helmut Nettelstedt, so sein richtiger Name, wurde am 31. Oktober 1920 in Berlin als Sohn eines jüdischen Knopffabrikanten geboren. Als sein Vater vom Berufswunsch des 15-jährigen Helmut erfuhr, nämlich Fotograf zu werden, soll er barsch geantwortet haben: "Mein Junge, Du wirst in der Gosse enden. Du hast doch nur Mädchen im Kopf." Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Tatsächlich wurde Newtons Leben zum großen Teil bestimmt von seiner Leidenschaft zum weiblichen Geschlecht. In seiner Autobiographie, erschienen im Jahr 2002, berichtet er ausführlich darüber.
Helmut Newton,
Work
Taschen Verlag
280 Seiten mit 245 Abbildungen
Schon als zwölfjähriger Junge hat Newton auf seinen Streifzügen durch Berlin mit der Kamera experimentiert. Seine Ausbildung bei der Porträt- und Modefotografin Yva (Else Simon) allerdings muss er wegen des wachsenden Drucks der Judenverfolgung abbrechen. Newton verschlägt es zuerst nach Signapur und dann nach Australien, wo er als zunächst als Hochzeitsfotograf arbeitet. In Melbourne lernt er auch seine Frau June kennen, die unter dem Namen Alice Springs selbst als Fotokünstlerin tätig ist. Mit einem ersten Auftrag für die australische Ausgabe der Vogue startet schließlich seine Karriere. 1957 geht das Paar zunächst nach London, dann nach Paris. Hier in der Metropole der Mode und in der "Stadt der Liebe" entwickelt Newton seinen unvergleichlichen Stil.
Im November 2000 hat seine Heimatstadt Berlin, in die er nach eigenem Bekunden immer wieder gerne zurückgekehrt ist, Helmut Newton eine große Retrospektive zum 80. Geburtstag geschenkt; es sollte eine Werkschau werden, die den ganzen Newton zeigt. Zu dieser Ausstellung ist der vorliegende Bildband mit annähernd 250 Abbildungen erschienen. Die Bildwelten von Helmut Newton sind äußerst komplex und vielschichtig und das Oevre des Fotografen provoziert gleichermaßen Ablehnung und Zustimmung. Meistens geht es dabei um das Bild der Frau, das er entworfen hat. Aufreizend und provokativ zeigen sie sich auf Newtons Fotos, meist gar nicht oder nur spärlich bekleidet. Pornografie wird ihm vorgeworfen und daß er die Frau zum Lustobjekt degradiert, zur Phantasie eines geilen Mannes mit Fotolinsen vor den Augen. Mit Alice Schwarzer, der Herausgeberin der Zeitschrift Emma, führte Newton sogar einen vielbeachteten Prozess. Schwarzer hatte ohne Genehmigung Fotos von Newton in einen Artikel abgedruckt, in dem sie ihn als Faschist und Pornograf bezeichnete, der Frauen nur als Opfer und Beute betrachte. Gleichzeitig gab und gibt es bei anderen Kritikern aber auch den Standpunkt, daß Newton die Frau in strahlender Vitalität zeige, selbstbewußt und tonangebend. Frauen bei Newton könnten ebenso verantwortungsvoll und ernst wie lustbetont sein.
Helmut Newton,
Autobiographie
335 Seiten
C. Bertelsmann
Mode, Akt, Porträt: in diese drei Kategorien teilt Newton seine Arbeit ein - was einfacher klingt, als es ist. Modeaufnahmen können ebenso Porträts und Porträts Aktfotos sein - oder umgekehrt. Seine Bilder spiegeln den Alltag und inszenieren ihn. Die Aufnahmen wirken geheimnisvoll, aufregend, entstellt, entkleidet. Im Studio arbeitet Newton nur äußerst selten. Er braucht Luft und einen offenen Himmel, echte und bewohnte Interieurs, lebendige Szenerien.
"WORK" zeigt unter anderem ganze frühe Arbeiten für die Zeitschrift Vogue aus den sechziger Jahren. Doch schon hinter diesen von Zeitgeist und Mode bestimmten Bildern blitzt Newton auf, schon hier zeigt sich seine meisterliche und einzigartige Handschrift. Ebenso faszinierend sind seine Porträts. Hier sind die abgebildeten Künstler, Schauspieler, Modemacher, Politiker und Wirtschaftsbosse im übertragenen Sinne entkleidet. Newton findet immer wieder Posen, Verkleidungen und Hintergründe, die entweder unbekannte Seiten der Porträtierten belichten oder verborgene Wünsche, Sehnsuchten und Eigenschaften sichtbar machen.
Auch Newtons Schaufensterpuppen tauchen auf. Irgendwann hatte er Lust auf Szenen und Verkleidungen, die lebende Models nicht mitgemacht hätten oder die einfach zu gewagt waren, als daß er Models zu fragen gewagt hätte, dabei mitzumachen. Also nahm er Schaufensterpuppen. Bizarre Bilder sind dabei entstanden. Fast reportageartig wirken dagegen die Bilder von Berliner Frauen, die in den 70er und 80er Jahren entstanden sind. Selbst die jüngste Auftragsarbeit Newtons für den Volkswagenkonzern ist vertreten: er durfte den New Beetle in Szene setzen und das hat er getan ganz nach Newton-Art. "WORK" ist wohltuend sparsam mit Texten und Interpretationen. Die Bilder Newtons sollen sprechen und das tun sie auch. Über sich selbst sagt der Fotograf: "Sie sehen schon, ich bin ein Fotograf alter Schule und habe mit Kunst nichts am Hut. Intellektuelle Diskussionen über meine Arbeit werde ich nicht mit Ihnen führen!"
Wenige Monate vor seinem Tod hat Newton entschieden, seine große Sammlung für immer nach Berlin zu geben. "Nun sind die ganzen Moneten pfutsch", scherzte er bei der Vertragsunterzeichnung. In Zusammenarbeit und unter Federführung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird gegenüber dem Bahnhof Zoo und einen Steinwurf entfernt von der Universität der Künste ein einmaliges Fotomuseum entstehen. Neben Newtons eigenen Arbeiten werden hier aber auch die seiner Kollegen und Fotos junger Nachwuchskünstler präsentiert. Die Umbauarbeiten im Gebäude laufen planmäßig. Am 3. Juli 2004 soll alles fertig sein. In einer seiner letzten Fax-Nachrichten an den Präsidenten der Stiftung, Klaus-Dieter Lehmann, schrieb Newton: "Ich freue mich riesig auf mein Berlin!" Der Tag der Eröffnung, dem Newton und seine Frau June mit großer Erwartung und Freude entgegenfieberten, wird nun zum Gedenktag für einen bedeutenden und wichtigen Vertreter der Fotokunst im 20. Jahrhundert.