Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

Klaus Kinski schreit und flüstert sich als großer Rezitator durch Werke der Weltliteratur

März 2004

"Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" - Niemand hat diese Zeilen von Villon mit soviel Verve und soviel Herzblut vorgetragen wie Klaus Kinski. Anfang der 60er Jahre war das, und die LP mit Kinskis Villon- und Rimbaud-Rezitationen war für Jahrzehnte ein absoluter Verkaufsschlager. In den 70ern beglückte Zweitausendeins marihuana-seelige Studenten-WGs mit einer Neupressung dieser wilden und zügellosen Kinskiaufnahmen. Inzwischen allerdings sind auch diese Schallplatten auf de Speicher oder in den Keller verbannt worden und man hat den Rezitatoren Klaus Kinski vergessen. Der Schauspieler, Selbstdarsteller, Kritikerschreck und Egomane wurde schnell reduziert auf das klischeehafte Abziehbild eines unberechenbaren "enfants terrible", eines Verrückten, der mit exzentrischen Auftritten Dreharbeiten zur Hölle für alle Beteiligten verwandelte (Werner Herzog kann davon mehr als nur ein Lied singen) oder zum Vergnügen der Zuschauer Talkshows aufmischte. 1991 verstarb der Bürgerschreck; viele seiner Fans meinen, viel zu früh.

Kinski Kinski spricht Werke der Weltliteratur

Box mit 20 CDs
Deutsche Grammophon und Universal

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Die Deutsche Grammophon ist der Meinung, daß die Zeit reif ist, den Rezitator Kinski neu zu entdecken und bringt dazu eine pralle Box mit 20 CDs auf den Markt. Die hier versammelten Aufnahmen hat Kinski im Verlauf mehrerer Nächte in den Jahren 1958 bis 1961 in einem Wiener Studio gemacht. Neben Villon und Rimbaud hat er sich auch an Shakespeare, Schiller, Goethe, Dostojewskij, Büchner, Hauptmann, Nietzsche, Wilde, Brecht und anderen abgearbeitet. Kinski, haucht, säuselt, schreit, flüstert und hechelt sich durch die Weltliteratur, ohne daß ihn ein Regisseur dabei gängelt oder bremst. Scheu oder Ehrfurcht kennt Kinski nicht und schon gar nicht Bescheidenheit. Natürlich haben diese Aufnahmen einiges ihrer Sprengkraft verloren, mit der sie damals die moralinsauren Hüter des bürgerlichen Kulturbegriffes auf die Barrikaden trieben oder herkömmliche Betrachtungen durcheinanderwirbelten. Doch sie sind auch heute noch mehr als müde, kleine Verpuffungen. Klaus Kinskis eruptiver und monomanischer Stil vermag dank seiner außerordentlichen Lebendigkeit und seiner irren Kraft immer noch zu fesseln.