Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

Die Geschichte einer Freundschaft - Khaled Hosseinis Roman "Drachenläufer" spiegelt die jüngste Vergangenheit Afghanistans

März 2004

Kabul in den 70er Jahren. Noch ahnt niemand in der afghanischen Hauptstadt etwas von der Invasion der sowjetischen Armee und der darauffolgenden Herrschaft der Taliban. Noch ist alles friedlich. Wir lernen Hassan und Amir kennen. Sie sind Milchbrüder und wachsen gemeinsam auf, scheinbar in Freundschaft verbunden. Doch der strenge Ehrenkodex der afghanischen Gesellschaft sorgt dafür, daß die beiden Knaben - selbst im westlich orientierten und liberalen Kabul - in Schranken verwiesen werden, die sie ihrer jeweiligen ethnischen Herkunft verdanken.

Hosseini Khaled Hosseini,
Drachenläufer

415 Seiten
Berlin Verlag

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Amir ist der Sohn eines wohlhabenden paschtunischen Kaufmanns und Hassan ist der Sohn dessen Dieners. Er ist an seinen chinesischen Augen leicht als Angehöriger der Hazara zu erkennen. Diese ethnische Minderheit steht auf der untersten Stufe der sozialen Leiter Afganistans. In Hassan hat Amir also einen Freund, der gleichzeitig sein Diener ist; das birgt Konfliktstoff. Wie alle Afghanen haben auch Hassan und Amir eine große Vorliebe für Drachenkämpfe. Bei dieser Art Nationalsport geht es darum, seinen Drachen am längsten in der Luft zu halten und den Drachen des Zweitplatzierten zu erlaufen, wenn er vom Himmel wieder auf den Boden stürzt. Hassan ist in dieser Disziplin ungeschlagener Champion, denn mit sicherem Auge sieht er schnell, wo der gegnerische Drache herunterkommt und ist immer zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Er setzt sein ganzes Können und Geschick ein, damit Amir den Drachenwettbewerb immer als Gewinner verläßt und sich somit des Stolzes seines Vaters sicher sein kann. Doch eines Tages kommt es bei einem der Wettkämpfe zu einem folgenschweren Zwischenfall. Hassan hat wie immer den gegnerischen Drachen erfolgreich erlaufen, wird danach aber von dem stadtbekannten Sadisten Assaf verprügelt und vergewaltigt. Amir beobachtet das zwar, greift aber nicht ein. Sein Freund Hassan hätte umgekehrt Amir sofort beigestanden, der Ehrenkodex hätte es so verlangt. Von diesem Tag an ist ihr Verhältnis zueinander nicht mehr wie früher.

Diese Konstellation allein hätte ausreichend Stoff für eine große Geschichte von Freundschaft und Verrat geboten. Im Fall von Khaled Hosseinis "Drachenläufer" kommt aber, gewissermaßen als Meta-Ebene, noch die jüngere Geschichte Afghanistans hinzu. Als die sowjetischen Truppen in Afghanistan einmarschieren, fliehen Amir und sein Vater zunächst nach Pakistan, um anschließend nach Amerika ins Exil zu gehen. Dort gehören plötzlich sie selbst als arabische Einwanderer zur untersten Schicht und zu den Gedemütigten. Halt finden sie in der Literatur ihrer alten Heimat, vor allem in einer Geschichte aus dem großen iranischen Epos "Schah-name", in der ein Vater während einer Schlacht aus Unwissenheit seinen Sohn tötet. Nichtwissen und Unkenntnis der Wahrheit, das ist das große Leitmotiv auch von "Drachenläufer". Erst in der Mitte seines Romans beginnt Khaled Hosseini damit, viele seiner Erzählfäden, die bis dahin kunstvoll gesponnen, aber scheinbar doch unverbunden ausgebreitet wurden, zu verknüpfen.

Viele Jahre nach seiner Flucht erhält Amir ein geheimnisvolles Lebenszeichen aus Pakistan. Rahim Khan, ein Freund der Familie, ruft an und sagt: "Du kannst alles wieder gut machen!" Neugierig begibt sich Amir nach Pakistan, wo ihm Rahim Khan ein großes Geheimnis offenbart, das hier selbstverständlich nicht verraten werden darf. "Ich bin 38 Jahre alt und habe gerade herausgefunden, daß mein ganzes Leben eine einzige verdammte Lüge ist", muß Amir erkennen. Erst jetzt geht er freiwillig in die Hölle der Taliban nach Kabul. Er erfährt, daß Hassan tot ist, doch einen Sohn hinterlassen hat, der sich wiederum in der Hand Assafs, mittlerweile ein eifriger Helfer des Talibanregimes, befindet. Amir rettet den Jungen und nimmt ihn mit nach Amerika.

"Drachenläufer" endet wenige Monate nach dem 11. September 2001. Wir sehen Suhrab, Hassans Sohn, der bei einer Feier der Exil-Afghanen in den USA zum erstenmal wieder lachen kann. Und zwar in dem Moment, als bunte Drachen munter durch die Lüfte flattern. Auch die Kinder in Kabul gehen wieder den von den Taliban streng verbotenenen Drachenspielen nach - zu hunderten schweben die zerbrechlichen Gebilde aus Papier und Holz wieder am blauen Himmel über der befreiten afghanischen Hauptstadt - ein Zeichen der Hoffnung.

Was Khalid Hosseini, der als Mediziner in Kalifornien arbeitet, hier als Debüt vorlegt, ist ein geschickt nach amerikanischem Muster konstruierter Roman mit orientalischen Anklängen. Doch davon merkt der Leser nichts, der, von intensiver Spannung und atemlose Neugier auf den Fortgang der Geschichte getrieben, in diesem Buch einen wahren Pageturner findet; zumindest beim ersten Lektüredurchgang, weshalb ein zweiter dringend empfohlen sei.

In erster Linie ist "Drachenläufer" eine große Parabel über Schuld und Sühne und über die Kunst, zu verzeihen. Doch, weil dieser Roman vor den hochdramatischen Hintergrund der letzten 30 Jahre der afghanischen Geschichte gesetzt wurde, von der wir- Hand aufs Herz - allenfalls Schlagzeilen kennen, bietet das Buch zwischen den Zeilen einen gewaltigen Mehrwert. In vielen Einsprengseln lernen wir ein fremdes und vergessenes Land besser kennen. Sowohl die reiche und reichhaltige Kultur westlicher Prägung vor der sowjetischen Invasion, als auch die tiefe Depression, in die die Taliban das Land stürzten und die immer noch nicht überwunden ist. Am Ende zeichnet Hosseini kein quietschebuntes Happyend á la Hollywood, sondern tupft lediglich zaghafte Zeichen der Hoffnung aufs Papier. Ein großartiger Roman.