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Wie Oscar Wilde seine Ehre verteidigte - Merlin Holland veröffentlicht die Protokolle des Queensbury-Prozesses

März 2004

Es war am 18. Februar 1895, als der Marquis von Queensberry im Club von Oscar Wilde eine Visitenkarte für den gefeierten Schriftsteller und Dichter hinterlegen ließ. Darauf stand der handschriftliche Vermerk: "Für Oscar Wilde, den posierenden Homosexuellen". Der Marquis von Queensberry war niemand anderes als der Vater des jungen Lords Alfred Douglas, genannt "Bosie", zu dem Wilde sich in einer stürmischen Liebe hingezogen fühlte. Gegen den Rat seiner Freunde entschloss sich Wilde, den Marquis wegen Verleumdung zu verklagen.

HollandHolland, Merlin: Oscar Wilde im Kreuzverhör. Die erste vollständige Niederschrift des Queensberry-Prozesses.
Aus dem Englischen von Henning Thies.
455 Seiten
München: Blessing Verlag 2003

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Wilde befand sich zu dieser Zeit auf der Höhe seines Ruhmes. Seine Werke, allen voran der Roman "das Bildnis des Dorian Gray", wurden von der Kritik gefeiert und fanden Scharen von begeisterten Lesern. Seine intelligenten Gesellschaftskomödien wurden von Theatern in ganz Großbritannien gespielt. Wilde selbst galt als vollendeter Dandy, als Beau von großem Geist und Herz, der in den Salons der feinen Gesellschaft ein gern gesehener Gast war. Doch mit dem Prozess gegen den Marquis von Queensberry, der wie eine Komödie begann und sich vor den Augen einer erstaunten und zunehmend entsetzten Öffentlichkeit unaufhaltsam in eine Tragödie verwandelte, setzte Wilde alles aufs Spiel.

Der Marquis von Queensberry wurde verhaftet und tatsächlich vor Gericht gestellt. In seiner Verteidigung brachte er es allerdings fertig, Wilde nicht nur der Pose eines Homosexuellen zu überführen, sondern zu beweisen, daß der Dichter tatsächlich des Aktes der Homosexualität schuldig sei. Das wiederum führte zur sofortigen Inhaftierung Wildes. In weiteren sich daran anschließenden Strafprozessen wurde der Dichter selbst zum Angeklagten und abschließend zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt. Sein Ruf war ruiniert, seine Familie zerbrach an der Schmach. Oscar Wilde, körperlich geschwächt und geistig gebrochen durch die zermürbende Zwangsarbeit in der Gefängnishölle, starb am 30. November 1900.

Merlin Holland, Jahrgang 1945, ist tatsächlich der einzige Enkel Oscar Wildes. Bei den Vorbereitungen zum 100. Geburtstages seines Großvaters stieß er in den Archiven der British Library in London überraschend auf die verschollen geglaubten Original-Mitschriften des Queensberry-Prozesses. Obwohl sich Holland seit rund 20 Jahren mit dem Leben und dem Werk seines berühmten Vorfahrens beschäftigt, hatte er niemals zuvor das Gefühl, seinem Großvater so nahe zu sein wie bei der Lektüre der Prozessprotokolle. In Buchform können auch wir sie nun nachlesen.

Nach einer kurzen und informativen Einleitung des Enkels geht es in media res. Vor dem Leser breitet sich ein Gerichtsdrama aus, das, versähe man es mit einigen geschickten Kürzungen, sich sofort als bühnen- oder filmtauglich erweisen würde. Kein Wunder also, daß Holland nur kurz gezögert hat, diese Texte zu veröffentlichen. Das vorliegende Werk ist mehr als nur eine trockenen Dokumentation. In den Texten wird der Originalton Wildes eingefangen, sie zeigen, wie sich der Dichter tollkühn selbst auf die Anklagebank redet. Fast überheblich gibt er sich zu Beginn der Verhandlungen. Sein Sprachwitz erheitert das Publikum, verursacht aber bei den Richtern und Anwälten eher angewiderte Reaktionen. Wir erleben einen verzweifelten Kampf mit ungleichen Waffen. Hier der Meister der feingeistigen und ironischen, mitunter sogar philosophischen Formulierungen; dort ein mit allen Wassern gewaschener Rechtsanwalt, der mit messerscharfen Einwürfen und Nachfragen den Prozess an sich reißt. Es ist Edward Carson, der vom Marquis engagierte Verteidiger. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden prozessualen Tricks lenkt er das Verfahren in eine für Wilde höchst unangenehme Richtung. Er präsentiert zweifelhaftes Beweismaterial und Zeugen aus der homosexuellen Halbwelt, und mit einem Abschlußplädoyer, das jedem Hollywood-Court-Drama gerecht würde, sorgt er für einen vorzeitigen Abruch des Prozesses. Ein Abbruch zu Ungunsten Wildes, der viel zu spät erkennt, daß er auf die falschen Waffen gesetzt hat. Ironische Überlegenheit oder gar Lüge taugen nichts im Kampf gegen Carson und Queensberry. Der Dichter wird in die Ecke gedrängt und muss plötzlich seine Auffassung von Schönheit und Kunst verteidigen, also das, was er zum eigentlichen Zweck seines gesamten Lebens erklärt hat. Nur, wie läßt sich das verteidigen, wenn man Leuten gegenüber steht, die das nicht verstehen können und wollen.

"Bosie" selbst kommt in der Verhandlung nicht zu Wort, aber seine Person schwebt wie ein böser Geist über der gesamten Auseinandersetzung. Der Marquis läßt kein gutes Haar an seinem Sohn, er hält ihn für einen verdorbenen Nichtsnutz. Wilde dagegen hat Mühe, zu verdeutlichen wie "Bosie über ihn kam" und ihn das Verhältnis zu dem stürmischen jungen Mann über die Dauer von vier langen Lebensjahren quälte und forderte. Gern würde man mehr von dem Ton erfahren, in dem Wilde und Carson sich beharkten, gern hätte man mehr über Tempo und Lautstärke der Dialoge erfahren oder über die Reaktionen der übrigen Prozessteilnehmer und der Zuschauer. Doch diese Art von zusätzlichen Bühnenanweisungen geben die Protokolle nicht her, und Holland tut gut daran, sie nicht zu vermuten oder gar frei zu erfinden. Er präsentiert ein authentisches Dokument, das er nur an den Stellen kommentiert, wo die Fakten gesichert sind. Trotzdem erfährt der Leser hier sehr viel über das Leben und Werk Oscar Wildes. Vor allem über "Das Bildnis des Dorian Gray", denn zu diesem Roman wird Wilde lange und ausführlich befragt. Ganze Passagen des Werkes muß er dem Gericht erklären. Es ist also sehr hilfreich, sich parallel zur Lektüre der Gerichtsprotokolle auch dem "Dorian Gray" noch einmal zu nähern.