Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

Bilder zwischen Himmel und Hölle - Werner Hofmann nähert sich Francisco Goya

April 2004

In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts organisierte Werner Hofmann als Direktor der Hamburger Kunsthalle eine vielbeachtete Ausstellungsreihe zur "Kunst um 1800". Dabei handelte es sich nicht um bombastische Inszenierungen bekannter Werke und großer Namen, wie sie heutzutage leider so modern geworden sind, sondern um sehr intelligente Expeditionen in eine Epoche, in der sich die Kunst von Kirche und Staat löste, um frei ihre eigenen Gedanken frei zu entfalten. Eine dieser Erkundungen war Francisco Jose de Goya y Lucientes gewidmet. Sie trug den Titel: "Goya und das Zeitalter der Revolution".

Goya Werner Hofmann,
Goya - Vom Himmel durch die Welt zur Hölle

336 Seiten mit 253 überw. farb. Abb.
C.H. Beck Verlag

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Im Ausstellungskatalog veröffentlichte Hofmann damals einen Aufsatz, der mit "Traum, Wahnsinn und Vernunft. Zehn Einblicke in Goyas Welt" überschrieben war. Gewissermaßen ist das hier vorgestellte Buch die ausführliche und konsequente Ausarbeitung dieses Textes. Goya malte als Auftragskünstler für drei spanische Könige und für die Kirche, versuchte aber ebenso, den sich langsam ausbildenden, halbfreien Kunstmarkt zu bedienen und malte zuletzt nicht selten einfach nur für sich. Für Hofmann ist er daher ein idealer Repräsentant jener Künstlergeneration, die einerseits noch der höfischen Kunstproduktion verhaftet war, sich andererseits aber dem Gedankengut der Aufklärung weit öffnete. Im Prolog stellt Hofmann deshalb Goya Goethe gegenüber, was auf den ersten Blick überrascht, denn beide dürften mit Sicherheit vom jeweils anderen wenig Kenntnis besessen haben. Daß sie dennoch in eine gedankliche Linie gebracht werden können, verdeutlicht Hofmann mit zwei Goethezitaten. "Das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch." Diesem Satz aus den "Wahlverwandtschaften" wird ein Auspruch aus "Dichtung und Wahrheit" zur Seite gestellt, nämlich "daß das Absurde eigentlich die Welt erfülle". Beide Sätze illustrieren die Erfahrungen und Erschütterungen der Zeit um 1800, welche Goethe und Goya, so verschieden sie sonst auch gewesen sein mögen, gleichermaßen verspürt haben dürften. Ausgehend von dieser gedanklichen Präposition beschreibt Hofmann anschließend in vier großen Abschnitten Goyas Werk als einen "Weg vom Himmel über die Welt bis zur Hölle" (auch das ein Goethe Zitat, diesmal aus dem "Faust").

Werner Hofmann bietet in diesem mit mehr als 250 weitgehend farbigen Abbildungen großzügig ausgestatteten Band keine Künstlermonographie im klassichen Sinne. Zwar folgt er weitestgehend der Chronologie der Werke, aber liefert wenig Details zum Lebenslauf oder zum historischen Umfeld. Die Werke werden eher in einen großen und weitschweifendem Essay, einem mitunter wortgewaltigen und dramatischen Monolog zur Kunst Goyas, ausgelotet. Es geht Hofmann darum, in Goyas Bildwelten einzudringen und einen Schlüssel für deren Deutung zu finden. Im Kern wird dabei die Klarheit der Aufklärung konfrontiert mit deren Schattenseiten. Dazu liefert der dritte Abschnitt des Buches das entscheidende Material. Es trägt den Titel "Die Krankheit der Vernunft" und widmet sich den Caprichos, dessen berühmtestes wohl das mit der Nummer 43 ist und den im Schlaf am Arbeitstisch zusammengesunkenen Künstler zeigt, über dessen Haupt die Fledermäuse seiner Träume flattern: "Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer". Für Hofmann ist dieses Bild ein Schlüssel zum Verständnis Goyas. "Goya als subjektiver Träumer verträgt sich nicht mit der Wunschvorstellung der lichtbringenden Aufklärer", schreibt er. Gerade in seinem späten zeichnerischen Werk, so Hofmann, habe Goya deutlich gemacht, daß das Licht der Aufklärung notgedrungen auch Schatten produziert habe. Genauso hätten sich Piranesi mit seinen "Kerkern", Diderot mit seinem "Traum d'Alamberts" oder de Sade mit seiner "Justine" in die Kellerfundamente der Aufklärung begeben und gezeigt, daß mit der Französischen Revolution und der Aufklärung ein Prozess angestoßen wurde, der schlußendlich im "Verlust der Mitte" gipfelte.

Folgt man den hellsichtigen Visionen des Malers, so erfüllen Absurdes und Irrationales die Welt. Goya, so Hofmanns Interpretation, benennt diese Abgründe und zeigt sie in ihrer teuflischen Schönheit. Zu keiner Zeit versuche Goya diese barbarischen Schrecknisse zu zügeln, sondern halte sie fest, indem er sie formal überhöhe. In diesem rationalen Gestaltungsakt liegt für Werner Hofmann die unerhörte und verstörende, bis heute andauernde Modernität Goyascher Schöpfungen. Der Text diese Buches ist unschwer als das Ergebnis einer lebenslangen Beschäftigung des großen Kunsthistorikers mit Goya zu erkennen, ein Alterswerk im besten Sinne. Ohne Furcht vor dunkler Metaphorik und sprachlicher Unschärfe läßt sich Hofmann auf einen leidenschaftlichen kunst- und kulturgeschichtlichen Parforceritt ein. Manchmal wirken die Abbildungen so, als seien sie just für seinen Text gestaltet worden und nicht umgekehrt. Selten zuvor wurden Goyas Bildwelten mit ihrem rätselvollen Doppelsinn und ihren abgründigen Chiffren für die "Welt als Tollhaus" verständlicher gemacht.

Ein großes Lob gebürt auch dem Verlag für die Gestaltung des Bandes. Farbgebung und Druck der Bilder sind von hervorragender Qualität. Vor allem das Spätwerk wurde kaum zuvor so brilliant publiziert. Dieses Buch wird ein Klassiker, da bin ich mir sicher.